F*** Poverty Porn – ein Aufruf zur Enthaltsamkeit

Es ist so geil, weil es so einfach ist: Man nehme weinende Kinder, dürre Frauen und weiße ErlöserInnen und bekommt Spenden. Wir SpendensammlerInnen müssen uns trotzdem endgültig von Elendsbildern enthalten und mutig bessere gute Geschichten erzählen.

Ich gestehe, ich habe es auch getan. Unzählige Male in den vergangenen Jahren. Als Redakteur für Hilfsorganisationen und NGOs habe ich Geschichten geschrieben, Fotos geschossen und Videos gedreht, die bestmöglich Mitleid erwecken sollten. Geschichten über arme, arme Kinderlein, die jetzt rasch Hilfe brauchen, liebe Spenderin, lieber Spender. Kinder, die hungern, frieren oder arbeiten müssen, anstatt in die Schule gehen zu können. Frauen und Männer, die ohne Hilfe nicht Überleben können. Bilder der Not in Äthiopien, des Elends in Syrien oder der Hilfsbedürftigkeit in Albanien. Geschichten über HilfsempfängerInnen. Mir reicht das längst nicht mehr.

Ich habe genug von diesem Poverty Porn. Ich werde grantig, wenn mir halbnackte, schwarze, namenlose Kinder von Plakaten entgegen weinen. Oder wenn in Video-Clips Eltern und Kinder nur stumm in die Kamera blicken, während ein Erzähler die SeherInnen zum Spenden aufruft (und dazu traurige Klaviermusik dudelt). Und wenn mich weiße Leinwandberühmtheiten aus einer bedürftigen Kinderschar heraus anlachen oder Promis mir erzählen, wie sie Leben retten, dann haut es mir – auf gut Wienerisch – die Kabel raus.

Aber von Anfang an.

Poverty Porn? Was ist das?

Was meint denn der Begriff „Poverty Porn“ überhaupt? Wikipedia sagt: “[Poverty porn is] ‘any type of media puttygen , be it written, photographed or filmed, which exploits the poor’s condition in order to generate the necessary sympathy for selling newspapers or increasing charitable donations or support for a given cause.’ It is also a term of criticism applied to films which objectify people in poverty for the sake of entertaining a privileged audience.” Poverty Porn heißt demnach, Menschen als Objekte, als passive Empfänger und Empfängerinnen von Hilfe darzustellen. Die immergleiche Botschaft: Kinder, Frauen oder Männer sind Opfer, hilflos, sprachlos. Ihr Schicksal liegt in der Hand der westlichen RezipientInnen. Also in unserer Hand.
Sind wir uns ehrlich, das fühlt sich schon gut an, oder? Ein bisschen Allmachts- und ErlöserInnenfantasie macht den Poverty Porn gleich noch ein wenig geiler.

Fundraising mit Stereotypen: Haben wir doch immer schon so gemacht

Es ist nicht zu leugnen: Viele spendensammelnde Organisationen sind groß im Poverty-Porn-Business. Die einen produzieren hard-core Material, die anderen die softere Variante. Warum sie im Fundraising auf Poverty Porn setzen? Weil diese Methode zu funktionieren scheint – sprich: Spenden bringt. Und: weil es ganz einfach immer schon so gemacht wurde. Dabei ist vielen Hilfsorganisationen bewusst, dass sie mit ihrer Spendenwerbung oft genau jene Stereotypen bedienen, die sie mit ihrer Arbeit bekämpfen wollen. “Natürlich wissen sie, dass die Lage komplexer ist, aber sie wissen nicht immer, wie sie langfristige Hilfsprojekte finanzieren sollen. Also tun sie das, was schon lange funktioniert”, schreibt Dagmar Dehmer mit Blick auf den deutschen Spendenmarkt.

Logisch, alle wollen Aufmerksamkeit für die gute Sache und möglichst viele Spenden, um zu helfen. (Und diese Sache ist wirklich eine gute und Hilfe tatsächlich wirksam und notwendig.) Klar ist aber auch: viele FundraiserInnen würden dem Poverty Porn lieber abschwören. Und trotzdem scheinen sich in der Diskussion oft VertreterInnen der Fraktion “mehr Dramatik, mehr Dringlichkeit, mehr ausgemergelte Körper, mehr Kindertränen” durchzusetzen.

Nicht zu vergessen, dass Kampagnen die Ursachen von Armut, die eng mit Europa und dem Westen verknüpft sind, weitgehend ausblenden, wie auch Wissenschaftlerin Nadja Ofuatey-Alazard feststellt. Stichwort: Sklavenhandel, Kolonialismus, ungerechten Handelsbeziehungen, westliche Lebensweise. Hilfsorganisationen verteidigen sich dann mit dem Argument, dass Zusammenhänge zu komplex seien, um sie auf Plakaten, Fotos und in Kurztexten zu thematisieren. Dazu kommt die Angst, dass es die Spendenbereitschaft gefährden würde, unser Handeln als KonsumentInnen oder WählerInnen in Frage zu stellen und die scheuen SpenderInnen damit auf ihre Mitverantwortung an globalen Entwicklungen hinzuweisen.

Über Machtverhältnisse und Opferrollen

Poverty Porn verhindere außerdem, Lösungen zu finden, sagt Theo Sowa, vom African Women’s Development Fund: “When people portray us as victims, they don’t want to ask about solutions. Because people don’t ask victims for solutions.”

Linda Raftree geht es bei Poverty Porn sowieso um mehr als unseren Blick auf Menschen im Süden: “Poverty porn does not only have to do with the way the West views Africa, it is an expression of classism that appears wherever those with more are helping those with less. By changing the way we manage media, we can affect the way stereotypes proliferate. Here’s a taste of a debate that will surely continue as conservative thinkers react skeptically or defensively to the prospect of progress and equality of voice from those who are viewed historically as less.”

Mut zur Tiefe: trauen wir uns!

Spendensammelnde Organisationen – und damit die jeweiligen EntscheiderInnen, SchreiberInnen, Foto- und VideografInnen und GeschichtenerzählerInnen – müssen Stereotype und poverty-pornöse Botschaften erkennen und eliminieren. Oft müssten sie dabei nur den eigenen Werten und Visionen folgen und diesen hohen Standards auch in ihrer Kommunikation mit den SpenderInnen gerecht werden.

Wir wissen, dass viele SpenderInnen ebenfalls die Nase voll haben von permanentem Alarmismus und Elendsbildern. Und ich glaube, wir können den UnterstützerInnen mehr zumuten. Das heißt keinesfalls, weichgespülte Gute-Laune-Geschichten zu erzählen. Wir können sie einladen, tiefer zu blicken, Hintergründe zu erkennen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Obacht: LeserInnen und SeherInnen können Facettenreichtum tatsächlich vertragen!

Echte Menschen, gute Geschichten!

Geschichten sollen emotional berühren. Aber sie sollen auch ermutigen und Menschen wirklich miteinander in Verbindung bringen. Die vielbeschworene Methode des Storytellings funktioniert: nur über konkrete Geschichten, werden wir wirklich empathisch und nur die kleine Geschichte lässt uns große Zusammenhänge nachhaltig begreifen. Dabei muss es aber unsere Aufgabe sein, überzeugende Geschichten von echten Menschen zu erzählen, ohne deren Leben zu trivialisieren und zu stereotypisieren. Wir müssen Menschen als jene handelnden AkteurInnen zeigen, die sie sind. Dabei darf der eigene Beitrag, also die (fraglos wichtige) Arbeit der Organisation, getrost dorthin rücken, wo er hingehört: in den Hintergrund.

Das Rezept ist noch einfacher, als beim geilsten Poverty Porn: Wir müssen echte Menschen zeigen. Und “echt” meint, in ihrer Gesamtheit, mit allen Facetten und Rollen. Mütter und Väter, die alles erdenkliche machen, um ihre Familie zu ernähren, Kinder, die stundenlange Schulwege auf sich nehmen, um in der nächsten Dorfschule lernen zu können (Filmtipp zur Inspiration: “Auf dem Weg zur Schule” von Pascal Plisson) oder allen Widrigkeiten trotzende KleinbäuerInnen und UnternehmerInnen, die Vorbilder für ganze Gemeinschaften werden. Wir müssen die enorme Widerstandskraft, den unbändigen Überlebenswillen und die Zufriedenheit, die Menschen auch unter schwierigsten Umständen an den Tag legen, zeigen. Und genauso müssen wir zeigen, dass Menschen die Hilfe, die mal lebensrettend, mal zukunftsprägend ist, in Anspruch nehmen und wie gut diese Hilfe wirkt.

Immer sollen Menschen ihre Geschichten selbst erzählen können. Und wir müssen es als Privileg verstehen, diese Geschichten weitererzählen zu dürfen. Für mich heißt das: ich muss bessere Arbeit leisten. Wir brauchen schlicht bessere Bilder und bessere Geschichten. Ja, dafür muss man öfter den Schreibtisch verlassen. Ja, dafür braucht es intensivere Recherche. Ja, dafür muss man mehr Zeit mit den Menschen verbringen. Richtige Gespräche statt Interview-Überfälle im Blitzlichtgewitter. Wir brauchen Mut, die ganzen Geschichten weiterzuerzählen. Denn nur dann sind es bessere gute Geschichten. Und nur das sollte uns reichen.


Gibt es valide Zahlen, die die Wirksamkeit guter Geschichten abseits von Poverty Porn belegen? Wo müssen wir unsere Sprache grundsätzlich überdenken? Wie wirkt Storytelling im Fundraising? Was kann man sich beim konstruktiven Journalismus abschauen? Welche Darstellungsformen sind wofür besser geeignet? Was tun gegen Psychic Numbing? Welche Best- & Worst-Practice Beispiele gibt es? uvm. ab sofort wird es hier zum Thema Content- und Storytelling im NGO-Kontext regelmäßig etwas zu lesen geben.

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Kämpferinnen gegen den Hunger

Sie arbeiten auf Feldern, ernähren Kinder und helfen in Not. Weltweit sind Frauen die wichtigsten Akteure im Kampf gegen Unterernährung – nirgendwo wird das deutlicher als in Burundi.

Unerbittlich packt Schwester Beatrice den Arm noch fester, zieht die Schlinge noch enger. Ein rascher Ruck, das Plastik drückt Striemen in die Haut. Die kleinen Finger krallen sich in den Hals der Mutter. Aus Wimmern wird lautes Weinen. Mit einem fingerbreiten Plastikband vermisst die Schwester den Oberarm des Kleinkindes. Das Band zeigt eine Skala mit einem grünen, einem gelben und einem roten Bereich. Jetzt zeigt die Skala rot. „Ihre Tochter braucht dringend kräftigende Nahrung”, sagt Schwester Beatrice zur Mutter. Ihre Kollegin notiert: Oberarmumfang: 103 mm. Das zwölf Monate alte Mädchen wiegt nur 4,3 kg. Schwester Beatrice weiß, gesunde Kinder wiegen in diesem Alter doppelt so viel. Unter den Namen des Kindes schreibt sie: malnutrition: trés sévère, sehr schwere Unterernährung.

Kinder hungern zwischen grünen Feldern

In Schwester Beatrices Heimatland Burundi leidet jedes zweite Kind unter den Folgen von Unter- und Mangelernährung. Das Land im Herzen Afrikas ist einer der ärmsten Staaten der Welt. Auf einer Fläche nur etwas größer als Niederösterreich und Wien zusammen leben elf Millionen Menschen, fast alle als Selbstversorger. Doch die Felder sind nicht produktiv genug, um die Menschen zu versorgen. Auch im Zentrum des Landes, in der Provinz Gitega, hungern Kinder zwischen grünen Feldern. Wie in den meisten Entwicklungsländern sind es auch in Burundi Frauen, die den Kampf gegen den Hunger aufnehmen. Als Mütter, Krankenschwestern oder Kleinbäuerinnen bestimmen sie das Schicksal des kleinen Landes.

Ihre kleine Tochter im Tragetuch auf den Rücken gebunden, marschiert Nadia Niyongabo*  vorbei an üppig grünen Palmen. Erst über ausgewaschene Wege, dann entlang der asphaltierten Hauptstraße. Der Frühnebel liegt noch über den Hügeln und vermischt sich mit dem Rauch der Kochstellen. Nach einer knappen Stunde ist sie an ihrem Ziel angekommen. Auf dem großen Anwesen mit mehreren Gebäuden aus roten Lehmziegeln sitzen rund 80 Frauen in bunten Wickelkleidern mit ihren Kindern im Schatten einer blauen Plastikplane. Eine Ordensschwester hat gerade mit ihrem Vortrag begonnen. Nadia sieht die Tafel mit den Bildern von Lebensmitteln nicht zum ersten Mal. Die 21-Jährige weiß bereits, welche Nährstoffe ihre Tochter braucht, um gesund und ohne bleibende Schäden aufwachsen zu können. Frau Niyongabo ist erneut hierhergekommen, weil sie noch immer Hilfe braucht.

„Mit Gottes Hilfe tun wir, was in unserer Macht steht“

Schwester Beatrice, eine zierliche Frau mit überraschend kräftigem Händedruck und lautem Lachen, kennt die nationalen Hunger-Statistiken nicht, aber sie kennt das Gesicht des Hungers. Die abgemagerten Körper, die ausgebleichten Haare, die Apathie, die verzweifelten Blicke der Mütter. Seit zehn Jahren trägt sie die hellblaue Kutte des Schwesternordens „Neues Leben für die Versöhnung“. Davor war sie Krankenschwester. Hier untersucht sie Kinder, die mit fünf Jahren gerade so groß sind, wie ein gesundes Dreijähriges. Zweimal pro Woche können Mütter mit ihren Kindern kommen, um sich satt zu essen. Dazu verteilen die Schwestern Milchpulver und schulen die Mütter in Ernährungsfragen. In der Region sind sie, unterstützt von internationalen Gebern, eine der wichtigsten Anlaufstellen für notleidende Menschen. „Mit Gottes Hilfe tun wir, was in unserer Macht steht“, sagt Schwester Beartrice, wischt sich den Schweiß aus den Augen und widmet sich dem nächsten Kind.

Nach der Untersuchung werden Frau Niyongabo und die anderen Mütter zur Lebensmittelausgabe geschickt. In einer der Baracken schöpft eine Ordensschwester nahrhaften Brei aus Sorghum, Soja, Mais und Zucker in den roten Plastikbecher. Nadia Niyongabo füttert ihre Tochter, nimmt selbst immer wieder einen Löffel. Die junge Frau ist nie zur Schule gegangen. Sie kümmert sich um Kinder und Haushalt und arbeitet auf dem Feld. Doch die Anbaufläche ist winzig und der Boden ausgelaugt, die Ernte reicht nicht aus. „Meist essen wir nur eine Mahlzeit am Tag – Reis, Bohnen oder Bananen. In der Trockenzeit fällt auch diese oft aus.” Die junge Frau ist abgemagert und kann ihre Kleine nicht stillen. Die Mehrheit der Burundier ernährt sich wie Nadia Niyongabo vor allem von Reis, Mais oder Maniok. Es fehlt an Obst, Gemüse und an Fleisch und Fisch, die reich an Proteinen und lebenswichtigen Spurenelementen sind. Die Folge: Mangelernährung mit dramatischen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder.

Schicksal in Frauenhand

Wenige Kilometer entfernt blickt die 51-jährige Stephanie Ndekatubane* wie eine Feldherrin über ihre Plantage. „Mein Obst und Gemüse wächst sehr gut!“, sagt sie stolz. Frau Ndekatubane ging nicht zur Schule, auch sie hatte nur ein kleines Stück Land. Vor zwei Jahren hat sie an der Schulung einer Hilfsorganisation teilgenommen und gelernt, wie sie ihren Ernteertrag steigern kann. Sie wurde Mitglied in einem Sparverein und konnte Tiere kaufen. “Weitere Kurse habe ich dann selbst bezahlt. Heute habe ich 20 Schweine, mache eigenen Dünger und kann durch den Verkauf der Produkte meine neun Kinder zur Schule und auf die Universität schicken”, erzählt die Kleinbäuerin. “Für mich war es immer am wichtigsten, dass meine Kinder zur Schule gehen. Und dass ich weiß, wie ich mit den vorhandenen Mitteln meine Familie ernähren kann.” Seit einigen Monaten gibt Stephanie Ndekatubane deshalb ihr Wissen an andere Kleinbäuerinnen weiter. Und damit sie in der Trockenzeit Wasser aus dem Fluss auf die Felder pumpen kann, will sie jetzt einen Kredit für eine Motorpumpe aufnehmen. “Wir Frauen müssen uns zusammentun und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.”

Wenn Nadia Niyongabo von der bevorstehenden Trockenzeit spricht, wird ihre Stimme leiser. Sie hofft, dass sie bis dahin wenigstens ein paar Maniokwurzeln beiseitelegen kann. Sie wird alles tun, damit ihre Tochter wieder zu Kräften kommt. „Das Band soll nur bald wieder grün zeigen“, sagt die junge Mutter. Sie wird dann noch weniger essen und den Brei für ihre Tochter noch weiter verdünnen. Auch sie wünscht sich eine Ausbildung und eine gute Zukunft für ihre Tochter. Doch wer Tag für Tag darum kämpft, die Familie satt zu machen, kann nicht weit planen. Nachdem der Becher ausgelöffelt ist, packt sie Milchpulver in ihren Beutel und verabschiedet sich. In wenigen Tagen wird sie sich wieder auf den langen Weg machen.

Klimawandel, Bevölkerungswachstum und politische Unruhen drohen, die Lebensumstände der Menschen in Burundi weiter zu erschweren. Es sind Frauen wie Schwester Beatrice, Nadia Niyongabo und Stephanie Ndekatubane die Tag für Tag darum kämpfen, ihren Kindern, Familien und Nachbarn eine bessere Zukunft zu bieten. “Wir werden da sein”, sagt Schwester Beatrice während sie die letzten Mütter mit einem Päckchen Milchpulver in die drückende Nachmittagshitze verabschiedet. “Egal wie lange die Trockenperiode dauert, wir werden euch nicht im Stich lassen.”

 

* Name geändert

Mehr Infos unter caritas.at/hunger

Erst die Bombe, dann Albanien

Eine fehlgeleitete NATO-Bombe nimmt einem alten Ehepaar die Existenz, die albanische Korruption kostet ihnen die Chance auf einen Wiederaufbau. Eine Reportage aus Fushë-Arrëz, Nordalbanien.

“Die Hälfte unseres Hauses war nur mehr ein Trümmerhaufen.” Ndue holt tief Luft, er streicht sich über die Stirn. Die linke Hand zittert von Falte zu Falte. “Die Erde vor dem Haus war meterweit aufgerissen”, deutet der alte Mann mit weit geöffneten Armen. “In den Nachbarhäusern waren die Fenster zersprungen, die Wohnräume waren voller Scherben”, sagt Ndues Ehefrau Dila. Und das Schlimmste: “Wir wussten nicht, wo unsere jüngste Tochter war.”

Fushë-Arrëz? Was sucht man dort oben, tief im albanischen Hinterland? Da gibt es nichts. Die Straßen dorthin sind schlecht, Berge und Flüsse andernorts viel schöner, erzählt man in der fernen Hauptstadt Tirana. Wer das Bergdorf im Norden Albaniens besuchen will, erntet Kopfschütteln. Ein Sprichwort besagt, Albanien sei ein kleines Land – würde man es aber flachbügeln, wäre es zehn Mal größer. Vom Meer nach Fushë-Arrëz: Alleine für 50 Kilometer Luftlinie braucht man hier knapp drei Stunden. Kurve um Kurve die Hänge entlang, rauf, runter, rauf, weiter rauf, runter ins nächste Tal, wieder rauf. Eine ermüdende Reise. Brücken, um Zeit zu sparen? Fehlanzeige. Wofür auch, hier fahren kaum Autos. Die wenigen Durchreisenden erleben Kargheit, hie und da eine Siedlung, ein Minarett, einen Kirchturm. Ein solcher markiert Fushë-Arrëz. Dort sitzen der 80-jährige Ndue und die 76-jährige Dila Paluca in wackeligen Plastikstühlen vor ihrer bröckelnden Betonhütte und erzählen ihre Geschichte.

Die Alten

“Gott sei Dank war unsere Tochter mit Freunden unterwegs und nicht im Haus, als es passierte”, erinnert sich Dila. Auch sie und Ndue waren unterwegs, als die Bombe einschlug. Es war Mai 1999, die letzten Tage des Kosovo-Krieges. Das Erzählen bringt die Bilder zurück, die Sätze werden kürzer, die Stimmen lauter. “Ein italienischer NATO-Bomber hat eine Bombe genau über unserem Dorf abgeworfen. Sie ist direkt in unserem Vorgarten explodiert”, sagt Ndue. Dila ergänzt: “Aus dem Nachbarort kamen Männer nach Quafe Malit, um den Schaden zu begutachten. Sogar das Fernsehen war da.” Wieder Ndue, er deutet in den Himmel: “Die NATO hat unser Haus zerstört, das ist jetzt 18 Jahre her. “ Es ist das Klagen eines Mannes, der nach Jahrzehnten noch immer um seine Existenz trauert.

Ob der Bomber wirklich italienisch war – wer weiß. Der NATO ist der Vorfall auf Nachfrage nicht bekannt, die Bomben der Allianz fielen aber nachweislich auch auf Albanien, der Zeitpunkt – die Endphase des Kosovo-Krieges – lässt kaum andere Schlüsse zu.

Nach dem Unglück zog das Ehepaar erst in eine Mietwohnung, dann zum Sohn in die Hafenstadt Durres. Wie die meisten jungen Leute aus Fushë-Arrëz waren auch Ndues und Dilas Kinder in die Stadt gegangen, um Arbeit zu finden. Nach drei Jahren beim Sohn und den sechs Enkeln konnten sie auch dort nicht mehr bleiben, wenig später verstarb der Sohn. Ndue und Dila standen auf der Straße.

Warum sie das Haus nicht repariert haben? “Die Entschädigung hat nicht gereicht. Um 240.000 Lekë kann man selbst hier kein Haus wiederaufbauen”, sagt Ndue, die Falten in seinem Gesicht werden noch tiefer. Dila fällt ihm zornig ins Wort, ihre knochige Hand krallt sich in die Armlehne: “Die Abfindung war viel höher! Wir hätten viel mehr Geld bekommen müssen!” 240.000 Lekë waren damals etwa 1.660 US-Dollar. Die Entschädigungszahlung – laut NATO Sache des Staates Albanien – wurde über die hiesigen Kommunalpolitiker abgewickelt. Dabei sei einiges abgezweigt worden, sagt Dila: “Das war allen klar. Als wir bei den Zuständigen nachgefragt haben, warum wir so wenig Geld bekommen, hat uns der Ortsvorsteher einfach weggeschickt.” Die Palucas konnten ihr Haus nicht reparieren, die Ruine liegt bis heute brach.

Der Pater

„Die Politik macht nichts für die Menschen hier, gar nichts“, sagt Bruder Andreas. Mit kräftigen Händen kurbelt er routiniert am Lenkrad. Mit seinem Geländewagen den Schlaglöchern auszuweichen, das ist sein Alltagsgeschäft. Um den Innenspiegel ist ein Rosenkranz gewickelt, das Kreuz schlägt unrhythmisch gegen die Windschutzscheibe. Mit seinem weißen Bart und auffällig wachen Augen sieht Bruder Andreas aus wie ein entfernter Onkel aus dem Münsterland. Bruder Andreas heißt eigentlich Andreas Waltermann, seit neun Jahren lebt und arbeitet der Kapuzinerpater bereits in Fushë-Arrëz. Das Dorf ist ein Relikt des Kommunismus: verlassene Fabrikshallen, eine Handvoll Cafés, Bars und kleine Shops an der Hauptstraße, für diese Gegend viel zu groß geratene, graubraune Plattenbauten. Wo einst tausende Minenarbeiter lebten, herrscht heute der Verfall. Auf die rund 3.800 Einwohner des Ortes kommen – für Albanien allzu typisch – fünf Tankstellen, ihr Zweck ist Geldwäsche. Fushë-Arrëz, das ist Armut und Isolation. Seit die letzte Kupfermine im Jahr 2015 geschlossen wurde, haben acht von zehn Einwohnern hier keine Arbeit, seit dem Bau der neuen Autobahn von Rrëshen nach Kukës im Jahr 2010 fährt kaum mehr ein Auto durch den Ort. Früher war Fushë-Arrëz ein Durchzugsposten auf dem Weg in den Kosovo. Ein sechsstöckiger Hotelturm zeugt von dieser Zeit, als Reisende lieber eine Nacht in Fushë-Arrëz blieben, als in der Dunkelheit weiterzufahren.

“Arbeit gibt es hier keine. Viele Familien leben von der Sozialhilfe. Ungefähr 25 Euro zahlt der Staat einer Familie pro Monat”, erzählt der großgewachsene Bruder Andreas. Ohne Job oder soziales Auffangnetz würden viele das Familieneinkommen mit dem Anbau von Cannabis aufbessern. Die Polizei steckt mit den Drogenschmugglern unter einer Decke, alle profitieren. Eine Krähe pickt der anderen kein Auge aus, heißt das dann.

Wer kann, geht weg aus Fushë-Arrëz. Nach Tirana, Shkoder oder gleich ins Ausland: Italien, Griechenland, Deutschland, Österreich. Aleine aus Fushë-Arrëz und den umliegenden Dörfern seien in den vergangenen Jahren hunderte Menschen nach Deutschland oder Österreich gegangen, erzählt der Priester. Zurück blieben die Ärmsten. Und die Alten.

Ndue und Dila werden die Berge nicht mehr verlassen. Sie fanden Unterschlupf bei Bruder Andreas und wohnen nun in einem kleinen Häuschen auf einem Grundstück der Pfarre. Der Pater ist froh, dass jemand die Unterkunft pflegt, die Senioren haben ein Dach über dem Kopf. Jüngst bekamen sie sechs Schafe, “Rasenmäher für den Garten”. Die Rente reicht gerade zum Überleben. “Vogel”, nennt Ndue sie immer wieder. “Vogel, vogel”. Vogel ist das albanische Wort für klein. Umgerechnet 3,50 Euro Miete zahlt das Paar monatlich – wenn es sich ausgeht. Wenn nicht, dann nicht, sagt Bruder Andreas. Einmal pro Woche gehen Ndue und Dila zum Einkaufen in den Ort, einmal pro Monat kommt eine Ärztin. Das nächste Krankenhaus ist zwei Autostunden entfernt.

“Wir versuchen einen Krankenwagen für Fushë-Arrëz zu bekommen – so etwas gibt es hier in der Gegend nämlich nicht”, erzählt Bruder Andreas. “Ein neuer Müllwagen kommt in Kürze.” Ein ausrangiertes Feuerwehrauto aus seiner Heimatstadt Münster ist bereits im Einsatz. “Wenn es bisher hier gebrannt hat, konnte man nur zusehen. Die Menschen, die hier leben, sind auf sich selbst angewiesen.” Die nötigste Infrastruktur kommt hier nicht vom Staat, sondern von privaten Spendern.

Oben am Hang, mit Blick auf die Plattenbauten, steht Waltermanns Wirkungsstätte: die Missionsstation, die er mit zwei Schwestern leitet. Wohntrakt, Wirtschaftsgebäude, Lagerhalle, Kapelle, am Eingang ein hohes Gittertor. In dem großen Hof parken zwei verbeulte, weiße Land Rover, daneben dösen die altersmüden Wachhunde der Station in der Sonne. Monatlich treffen hier Hilfstransporte aus Deutschland und Österreich mit Paletten voller Lebensmittel, Kleidung und Medikamenten ein, manchmal ist auch ein Fahrrad oder ein Lampenschirm darunter. Von Geldspenden kaufen die Schwestern monatlich 14 Tonnen Mehl und verteilen es an 350 bedürftige Familien. Es gibt eine Kindertagesstätte, eine Ambulanz mitsamt Apotheke und eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Es werden Arbeiter für Straßenbau und Reparaturarbeiten bezahlt, mit 29 Beschäftigten war die Station laut Waltermann zuletzt der größte Arbeitgeber in der Umgebung. Regelmäßig tauscht der Priester die robuste Arbeitskleidung für den morgendlichen Gottesdienst gegen das Messgewand. Denn alle Wohlfahrt geht Hand in Hand mit dem anderen Unternehmungszweck, dem Missionsauftrag. Messen, Bibelstunden, Gebete.

“Eigentlich stimmt es ja nicht, dass die Politiker nichts für die Menschen hier tun. Kurz vor jeder Wahl werden Unternehmungen gefördert und Straßen neu asphaltiert. Auch unsere Zufahrtsstraße ist ganz neu”, erzählt der Pater auf der Fahrt zu Familie Gjoni, die einen neuen Stall für ihre Ziegen und Kühe bekommt. Es könne vorkommen, dass ein Betrieb zwei Wochen vor der Wahl auf- und zwei Wochen nach der Wahl wieder zusperrt. Der Vorgänger des aktuellen Bürgermeisters hätte nichts für die Gemeinde bewirkt, fahre aber den dicksten Mercedes und wohne im schönsten Haus.

Wie erhält sich dieses System? Stimmenkauf. “Im Norden wurden die Schulden von Wählern beim Lebensmittelhändler abbezahlt, manche bekamen für ihre Stimme einen großen Sack Weizenmehl”, sagt die albanische Korruptionsexpertin und Bürgerrechtsaktivistin Alida Karakushi. Einen Fixpreis gibt es nicht. Der Gegenwert der Stimme kann je nach Region bis zu 200 Euro ausmachen, berichtet Karakushi. In Fushë-Arrëz sind umgerechnet 38 Euro üblich. Auch Beamtenposten sind beliebte Lockmittel. Vielleicht hat diese Praxis nun ein Ende, auf Druck der OSZE stellte die Regierung Stimmenkauf vergangenen Mai unter Strafe. Vier Jahre Gefängnis drohen Übeltätern. Ob das Wirkung zeigt, steht freilich auf einem anderen Blatt – nicht ohne Grund vertrauen nur weniger als 25 Prozent der Albaner dem Justizsystem.

Nach gewonnener Wahl wurde das entstandene Loch im Budget bisher mit neuen Abgaben oder durch die Einbehaltung und Kürzung von Sozialleistungen gestopft. Die alten Palucas bekamen dann noch weniger Geld vom Staat. „Manchmal verstehe ich nicht, warum sich die Menschen das bieten lassen“, sagt Bruder Andreas.

Von der knappen Sozialhilfe muss auch Familie Gjoni mit den Kindern Esta und Gjon über die Runden kommen. Je nach Anzahl der Kinder bekommt ein Haushalt zwischen 22 und 48 Euro im Monat, die Gjonis erhalten also etwa 32 Euro. Zu ihrem Haus führt nur ein ausgewaschener Weg, die letzten Meter müssen auch die am Stall werkenden Bauarbeiter zu Fuß gehen. Die Familie hat kein regelmäßiges Arbeitseinkommen. Auf kleinen Feldern vor dem Haus bauen sie Gemüse an. Kühe und Ziegen geben Milch, das Fleisch verkauft die Familie, wenn nötig. Armut ist für viele Mitteleuropäer abstrakt: Sieht man Esta und Gjon Gjoni in ihren abgetragenen T-Shirts, lernt man sie kennen.

Die Geschwister gehen in die winzige Schule im Ort. Die Lehrer kommen abwechselnd zu Fuß, um eine Handvoll Kinder zu unterrichten. Es gibt neun Jahre Schulpflicht in Albanien, 90 Prozent der Kinder werden eingeschult – kostenlos. Die Schulbücher kaufen zu müssen sei aber eine Belastung, erzählt Albana Gjoni. Zuschüsse gibt es von der Missionsstation. Unterstützung vom Staat? Keine. “Wer nach neun Jahren weiter ins Gymnasium gehen will, muss auch noch den Schulbus bezahlen. Für viele ist das ein zusätzliches Hindernis auf dem Weg zu guter Ausbildung und besseren Zukunftsperspektiven”, erklärt Waltermann.

Die Pfarre hilft auch hier aus, übernimmt Aufgaben des Staates – und sucht gleichzeitig Distanz zu dessen Vertretern. Die vom neuen Bürgermeister angebotenen Dieselgutscheine lehnt Bruder Andreas ab. Er will nicht in der Schuld des Dorfchefs stehen, bloß ungestört seine Arbeit verrichten können. Eine der Schwestern nimmt das Geschenk dennoch an, fährt ihr Liefer-LKW doch jährlich tausende Kilometer. Prinzip gegen Pragmatik. Bruder Andreas relativiert: Sicherlich gäbe es auch hier Politiker, die wirklich etwas bewegen wollen.

Der Wassermann

Gjon Nikoli ist kein Politiker, aber er bewegt etwas. “Mein Restaurant hat schließlich nicht mehr funktioniert. Es kamen einfach zu wenig Autos hier vorbei, nachdem es die neue Autobahn gab”, schildert der Mittvierziger in kariertem Hemd und braunem Pullover und dreht eine kleine, blaue Plastikphiole zwischen den Fingern: “Jetzt füllen wir hier Quellwasser ab.” Stolz präsentiert er die Maschine, die rhythmisch zischend aus den kleinen Hülsen große Sieben-Liter-Flaschen formt.

Anstatt die Berge hinter sich zu lassen, verwandelte der Geschäftsmann sein Lokal kurzerhand in eine Mineralwasserproduktion. Mitten im jetzigen Lager- und Büroraum steht die alte Bar. Statt Bier- und Schnapsgläsern stapeln sich hier nun Wasserflaschen. Der Chef sitzt an einem Esstisch, darauf Listen, Ordner und ein Taschenrechner. Bestes Qafe-Mali-Wasser, deutet er auf eine Rolle mit Flaschenetiketten. Das Wasser kommt per Rohrsystem von einer Quelle weiter oben in den Bergen, es läuft nah an einem verlassenen Grundstück vorbei. Dort wohnten einst Ndue und Dila Paluca.

“25.000 Liter füllen wir hier täglich ab. Mit unserem Kleinlaster bringen wir das Wasser zu Supermärkten und Lokalen – hauptsächlich in Tirana.” Der Standort Fushë-Arrëz bringt lange Transportwege und damit höhere Kosten. Die Entfernung zur Hauptstadt sei das größte Problem, sagt Nikoli und zuckt mit den Schultern. Dennoch: Es reiche zum Leben, er schaffe wenigstens ein paar Arbeitsplätze. “Wir sind ein Familienbetrieb. Zusätzlich zu meinen Töchtern und Söhnen beschäftige ich noch vier weitere Angestellte”.

Es gibt zu wenige Unternehmen wie jenes von Gjon Nikoli. Es fehlt an Kapital, dazu kommt die Korruption. Sie ist der lästige Fettfleck, den unzählige Waschgänge nicht wegbekommen. “Das Hauptproblem ist Straffreiheit und fehlende Institutionen, die Korruption ist die Konsequenz”, sagt Korruptionsexpertin Karakushi. Sinnbildlich: Unter anderem ist eine schleppende Justizreform der Hauptgrund, warum Albanien noch keine EU-Beitrittsverhandlungen führen darf. Vor der Parlamentswahl Ende Juni drohte die oppositionelle Demokratische Partei monatelang mit einem Boykott, weil sie Wahlmanipulation befürchtete, ehe EU und USA einen Kompromiss mit Zugeständnissen für die Demokraten durchsetzten. Diese kreiden der regierenden Sozialistischen Partei Kontakte zur organisierten Kriminalität an – wohl wissend, dass es diese nachweislich auf beiden Seiten des politischen Spektrums gab.

Für Ndue, Dila und die Menschen in Fushë-Arrëz macht es keinen Unterschied, wer im kleinen Rathaus an der Hauptstraße vis-à-vis der kleinen Läden und Cafés sitzt. Weder seien die lokalen Vertreter der Sozialisten sehr sozial, noch seien jene der Demokraten sehr demokratisch, sagt Waltermann.

“Wir sind längst reif für den Friedhof”, sagt Ndue Paluca auf die Frage, was er und seine Frau sich von der Zukunft erhoffen und lacht. Von Staat und Politik erwarten sich die beiden längst nichts mehr. So geht es den meisten hier. Wer ein bescheidenes Auskommen findet, seinen Kindern die Aussicht auf besseres Leben bieten kann, schafft dies trotz staatlicher Strukturen, nicht dank derer Unterstützung.

In der Abgeschiedenheit der Berge kondensiert die Hoffnungslosigkeit des ganzen Landes zu Resignation und Apathie. Kennt man die Geschichte von Dila und Ndue, versteht man den Norden Albaniens. Erst nahm dem alten Ehepaar eine fehlgeleitete Bombe ihren Besitz – Schicksal, könnte man sagen. Dann nahmen ihnen korrupte Politiker die Möglichkeiten auf einen Neustart, auf eine Zukunft. Albanien, könnte man sagen.

Jeder Tag, ein guter Tag

Mehr als vier Millionen Menschen sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien in die Nachbarländer geflohen. Mehr als 600.000 Vertriebene sind in Jordanien gelandet. Und ich war vor Ort um mit syrischen Flüchtlingen und Helfern zu sprechen.

Im Flugzeug neben mir, auf 12K, sitzt eine Libanesin. Goldene Zeder auf blauem Pass. Für die UNIDO arbeitet die zierliche Frau. In Beirut ist sie zuhause. Wien hat sie im Rahmen einer Geschäftsreise besucht. Im Flüsterton – ihre Normallautstärke, wie sich nach ein paar gehauchten Sätzen herausstellt – erzählt sie von den Flüchtlingen, die aus dem Nachbarland Syrien fortwährend in den kleinen Libanon strömen. Immer mehr und mehr Nachbarn kommen, fliehen vor Krieg und Gewalt. Viele Libanesen haben Verwandte im Bürgerkriegsland. Da ist es selbstverständlich, den Nachbarn zu helfen, erzählt die Unidofrau. Und meint es so.

Seit dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sind mehr als vier Millionen Menschen in die Nachbarländer geflohen. Die Vereinten Nationen sprechen von der schlimmsten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Libanon – einem Land von der Größe Tirols – leben heute über eine Million syrische Flüchtlinge. Damit ist jeder zweite Einwohner ein Flüchtling. Als würde das selige Österreich vier Millionen Ungarn, Slowenen, Italiener, Deutsche aufnehmen. Das Land platzt aus allen Nähten, der Staat ist überfordert, kann seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen. Der ohnehin seit Jahrzehnten instabile Levante-Staat wankt, aber noch fällt er nicht. Doch der Krieg schwappt bereits über die Grenzen, hinter dem Libanongebirge, in der Beeka-Ebene wo die meisten Flüchtlinge hausen, wir immer öfter geschossen, gebombt und vertrieben.

Ich sitze auf 12L weil ich vor Ort mit den Vertriebenen reden will. Nicht im Libanon, sondern in Jordanien. Mehr als 600.000 registrierte Flüchtlinge leben hier. Die Regierung geht davon aus, dass sich rund 1,5 Millionen Syrer im Land befinden. Ich reise an die syrische Grenze, um mir die Geschichten jender Menschen anzuhören, die ihre Heimat verlassen mussten. Syrerinnen und Syrer, die aus Angst um ihr Leben, mit nichts als den Kleidern am Leib, ins benachbarte Jordanien flohen. Täglich lassen tausende Menschen ihr Leben zurück, um ebendieses zu retten. Wochenlang sind manche unterwegs, zu Fuß, in Bussen und Taxis. Mit den Kindern, der gebrechlichen Mutter, dem kranken Vater. Angewiesen auf die Hilfsbereitschaft von Fremden.

Ich hingegen habe Flug, Flughafentransfer und Hotel online, von zuhause aus gebucht. In 4000 Metern Höhe wetze ich in meinem Wunschsitzplatz und sehe durch meine Luke hinunter auf mir unbekannte Berge und Küsten. Im Monitor in der Rückenlehne vor mir flimmert das kleine weiße Flugzeug zuerst über das Mittelmeer, dann über Israel. Neugierig spähe ich hinaus. Dann Jordanien unter uns. Ich bin nicht gekommen, um heiße Steine in der Felsenstadt Petra zu fotografieren. Touristen-Tipps erhalte ich ungefragt dennoch: Dead Sea, dafür unbedingt Zeit nehmen, so die Empfehlung der Sitznachbarin. Der Flugzeuglärm verschluckt ihre Stimme. Schnell wird es mir zu anstrengend weiter zuzuhören, das Gespräch verebbt. Wie könnte es anders sein, hüstelt und schnupft die Gute permanent in die rote Bordmenüserviette. Dabei tippt die Frau während des gesamten Fluges wie wild in ihr Notebook. Tippt ein handschriftliches Protokoll ab. Technisches Blala. Es ist mir ein Rätsel, wie man Derartiges schreiben kann. Noch dazu in einer in einer dauerbrummenden, menschleiberbefüllten Stahlröhre. Dann endlich Landeanflug auf den königlichen Flughafen.

In Amman

Der Queen Alia International Airport verdankt seinen Namen der bei einem Hubschrauberabsturz getöteten Königin Alya Baha‘ ad-Din Tuqan, der dritten Frau Königs Husseins von Jordanien. Brandneu und in bestem Licht zeigt sich Jordaniens Knotenpunkt zur weiten Welt an diesem Abend. Schlicht schönes Betonrund in der Ruhe der jordanischen Abenddämmerung. Müde und flugzeugsitzgelähmt gelingt es mir, dem Smalltalk auszuweichen. Der mitgebrachte Geldbeitrag reduziert sich beim Wechseln in der Flughafenhalle auf lächerliche 166 Jordanische Dinar. 40 davon löhne ich beim Beamten für das Visum. Unfreundlich haut der Mann seinen Stempel in mein Reisedokument. Auf Flughäfen, egal wo auf diesem Erdrund, passiert kein Austausch zwischen Menschen. Nur klimaanlagengekühlte Formalität. Meine Versuche, die Menschen auf der anderen Seite des Schalters mit Offenheit und meinem besten Lächeln ins Land der Lebenden zurück zu holen, scheiterten bislang allesamt – auch hier im Königreich Abdullahs II herrscht Einreiseeiszeit.

Auf der Rolltreppe hinunter zur Gepäcksausgabe schallt schließlich ein erstes Willkommen aus den Lautsprechern. Das gesungene Abendgebet versetzt mich in entspannte Stimmung. Kleinbus, Flughafenautobahn, dann angekommen: Amman. Die Vier-Millionen-Stadt ziert sich, verbirgt sich in der Dunkelheit. Bevor wir im Hotel eintreffen, drängt sich lediglich das monströse Sheraton beim Vorbeifahren ins Blickfeld. Nur einen Steinwurf vom imposanten Hotelkomplex entfernt, meine Bleibe für die nächsten Tage: das Retaj.

Das Retaj liegt recht uncharmant an einer viel befahrenen Straße, neben einem kleinen Blumenladen und einem mordernen Liquorstore. Vis-a-vis Restaurants und Läden, nur erreichbar per Fußgängerbrücke über vier Spuren Autostrom. Das dreistöckige Hotel stößt erdmännchengleich einen durchdringenden, metallenen Warnpfiff aus, als ich durch die Eingangstür in die großzügige Lobby trete. Nach dem Pfiff hole ich mir an Rezeption den Schlüssel für mein Einzelzimmer. Der Thronfolger lacht von der Wand den Hotelgästen in der Lobby entgegen und sieht mir über die Schulter, als ich meine persönlichen Daten in irgendein besonders wichtiges Formular kritzle. Der Meister der Schlüssel hinter dem Tresen trägt Verband, dick und weiß an der linken Hand. Mit kochendem Wasser hat er sich verbrüht, so seine Auskunft. Mein Zimmer im ersten Stock: Hinterhofausblick, Queensize, Minibar. Statt einer Bibel im Nachtkastl, ein Gebetsteppich im Schrank.

Die Mitreisenden beschließen noch etwas essen zu gehen. Niemand hat Lust kurz vor zehn noch ein authentisch-jordanisches Lokal zu suchen. Wir landen also in einem American-Bar-Burger-Laden ums Eck. Vor dem neonschriftzugbeschilderten Restaurant stehen ein weißer Maserati und ein neuer Mustang. Katzenhaie schwimmen nervös im Wandaquarium hinter der Bar. Allerweltsspeisen in der Karte. Sandwich, Burger, Suppe, Salat und – zum Amüsement unseres Südtirolers – italieneische Spezialitäten. Während Celin Dion und Elton John aus dem Flachbildschirm singen, bestelle ich Veggieburger. Flüsterton war im Flugzeug, hier Stadionrockatmosphäre. Die Kellner sind aufmerksam, höflich und zahlreich, aber wohl keiner von ihnen Besitzer der Luxuswägen vorm Eingang. Vier Gehaltsklassen gibt es hierzulande, durchschnittlich 600 Dinar verdient Herr und Frau JordanierIn, schnappe ich beim Tischgespräch auf. Nayla sitzt mir gegenüber und beantwortet geduldig alle Fragen zur Levante. Nayla weiß Bescheid, sie kommt aus dem benachbarten Libanon. Die kleine Mitdreißigerin mit vollen, brauen Locken gehört der Minderheit der Drusen an. Jetzt lebt Nayla in Wien. „Ich vermisse nichts“, sagt sie. „Außer vielleicht manchmal die Stimmung, die entspanntere Atmosphäre – und ja hin und wieder die levantische Küche.“ Zum Broterwerb ist Nayla bei einer Stiftung angestellt, die Hilfsorganisationen mit finanziellen Zuwendungen füttert. Gemeinsam mit ihrem Chef, einem angegrauten Vorarlberger mit sportlicher Figur, ist sie nach Jordanien gekommen, um sich das Werken der Helfer und das Elend anzuschauen.

„Auf Reisen darf man keine Gelegenheit auslassen!“, die Lebensweisheit aus dem Ländle besiegelt den Barbesuch und nach Burger und Plauderei schlendere ich deshalb mit meinen sieben Begleitern richtig Bristol. Das Vier-Stern-Hotel nach der Stadt in Südengland hat eine Skybar, wie die erfahrenen Ammanbesucher der Reisegruppe wissen. Und einen Metalldetektor in der Lobby, flughafengleich. Ich lasse mich von einem bärtigen Mann abtasten – gründlicher als bei einem Hochsicherheitsspiel im Wiener Happelrund und zum dritten Mal an diesem Tag. Im marmornen Eingangsbereich geben sich zahlreiche recht beleibte Männer dem Talk hin, den man business nennt. Neugierige Blicke beiderseits. Der enge Aufzug spuckt uns im 7. Stock aus. Der Ausblick über das nächtliche Amman ist unspektakulär. Dennoch ein Blick aus dem goldenen Palast, hinunter auf das gemeine Volk. Sieben Etagen bringen die Gutgekleideten – Einheimische, wie Fremde – hier zwischen sich und die Restbürger. Die Bar ist leer, es gibt Alkohol. Die Delegation aus der Alpenrepublik lässt sich in einer Ecke in weinrot bezogene Polstermöbel sinken. Als die Liveband anfängt Liebeslieder zu dudeln verlasse ich das Etablisment und schlendere durch die kühle Nachtluft zurück in die pfeifende Unterkunft. Autos schießen vorbei, auch nächtens kehrt hier keine Ruhe ein.

In den Norden, nach Zarqa

„Hier im westlichen Teil Ammans leben die Reichen, im Osten der Stadt sammeln sich die Ärmeren“, erzählt mir Jussuf am kommenden Morgen. Nach einer kurzen Nacht im kalten Zimmer freue ich mich über die wärmende Sonne draußen vor dem Hotel. Jussuf ist unser Fahrer. Ein großer, hagerer Typ mit markanter Nase und gegerbter Haut. Klar ist: Er wohnt nicht in Westamman, nicht im langen Schatten der Hotels und Banken. „Hast du auch Familie?“, Jussufs erste Frage. Freundin ja, aber noch keine Kinder, meine rasche Antwort. Als die Worte meinen Mund verlassen, habe das Gefühl damit in Jussufs Augen kein erwachsener Mann zu sein. Aber Jussuf nickt nur und zieht an seiner Zigarette. Der ruhige Mann fährt Reisende und professionelle Gutmenschen internationaler Hilfsorganisationen umher. Jussuf ist in Amman geboren. Seine Eltern und die Verwandtschaft leben allerdings im Norden des Landes nahe der syrischen Grenze. Ob er sich Sorgen macht, dass der Bürgerkrieg im Nachbarstaat oder der IS-Wahnsinn das elterliche Dorf erreichen könnten? „In Jordanien ist es sicher. Hier ist Ruhe.“

„In Jordanien ist es sicher. Hier ist Ruhe.“

„In einer Stunde sind wir in Zarqa“, kündigt Jussuf vom Fahrersitz aus an. „Wir machen noch einen kurzen Stopp an einer Tankstelle.“ Dreijährige im Straßenverkehr. Rosenverkäufer feilschen an Ampelkreuzungen geschickt durch geöffnete Autofenster mit Kundinnen. Routine, die dem Umsatz dienlich, der Schulbildung allerdings abträglich ist. Luxemburgische Luxusautodichte, in Amman, aber kein einziges Fahrrad auf den Straßen. Endlosverkehr. Keine öffentlichen Verkehrsmittel nur ein paar gelbe Schulbusse und Taxis unterwegs.

Im Straßenverkehr sind die Menschen gleich – besser: verhalten sich gleich. Drängeln, hupen, glotzen, auch hier in der Levante. Toyota und Honda allerorts, aber auch neuste Fabrikate deutscher Edelmarken und SUVs steuern durch das Gewühl auf Ammans Seven Circles. Es geht bergauf und bergab – das San Francisco des Mittleren Ostens. Hier wird gefahren, niemand geht. Spaziert wird lediglich abends durch den Bazar. Radfahrer, Fehlanzeige. Nicht einen einzigen Jordanier oder eine einzige Jordanierin konnte ich beim todesmutigen Versuch beobachten, Ammans Autofahrer daran zu erinnern, dass man andernorts das Asphaltband tatsächlich mit unmotorisierten Verkehrsteilnehmern teilen muss. Keine Strassenmarkierung gibt hier die Empfehlung, Raum für Radelnde frei zu geben. Der Straßenrand wird genutzt bis zum letzten Zentimeter, bis die ersten Papier- und Plastikfetzen das meist staubig unbefestigte Bankett ankündigen. Doch, so erzählt der tschechische Delegierte Lukas, er kennt einen hochrangigen UN-Beamten, der allen Widrigkeiten zum Trotz täglich zur Arbeit pedaliert.

Sandsteinbraune Schachteln wachsen über die neunzehn Hügel Hügel der Jordanischen Hauptstadt. Rohbau oftmals, unverputzt, Wassertank und Satschüssel am Flachdach. Grün ist Amman nicht. Nur vereinzelt sprießt es zwischen Häuserschachteln und zwischen Plastikfetzen am Straßenrand. Kamele weiden zwischen Fahrstreifen schnurgerader Straßen Richtung Norden, Richtung Syrien. Beduinenzelte immer wieder mitten in der kargen Weite. Ziegengeführte Schafherden ziehen über die karge Ebene. Knabbern an seltengrünem Gras und dürren Gestrüpp.

Wir halten wie angekündigt an der Tankstelle. „Alle legen hier einen Zwischenstopp ein“, erzählt unsere jordanische Begleiterin. Alle meint: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Helfer aus aller Welt treffen sich beim Snackkauf auf halber Strecke zwischen Amman und Zarqa. Also bekomme auch ich die Gelegenheit Tankstellenautomatenkaffee mit Kolleginnen und Kollegen zu nippen. Flaschenwasser kaufen mit einsatzbewesteten Profi-Helfern. Ich wundere mich über die große Auswahl an Loaker-Schnitten und kaufe mit einem der kleineren Scheine mit königlichem Konterfei einen Sack Nüsse. Der Tankstellenshop als Rückzugsort in eine gewohnte Umgebung, Jordanien bleibt draußen. Schnell verlasse ich das Refugium, ich will hinaus, genieße die Sonne, die in Jordanien auch Mitte April schon recht kräftig wärm, auf meiner büroblassen Haut.

Farhan, der Glückliche

Nach ein paar Minuten Fahrt springe ich wieder raus aus dem Kleinbus. Wir besuchen eine Grundschule und ein Sozialzentrum in Zarqa, einer 400.000 Einwohner-Stadt 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Es ist Vormittag als wir das Schulgelände betreten. Das heißt, jetzt sind die jordanischen Kinder da. In blauen Schuluniformen toben sie auf dem asphaltierten Schulhof herum und posieren für die kameraschwingenden Besucher. „Whats your name? Whats your name?“ Stefan. Händeschütteln, Kinderlachen.

Einer der Schüler ist Farhan. „Das bedeutet der Glückliche“, erzählt mir eine Mitarbeiterin des Zentrums. Farhan, ist 12 und will später Polizist werden. Warum, frage ich ihn. „Weil ich meine Heimat verteidigen will“, sagt er ohne zu zögern. Die Zeichnung, die vor ihm liegt zeigt zwei Panzer. Ein Rebellenpanzer, ein Regimepanzer. Auf dem Panzer sitzt ein Mann, der von Schüssen getroffen wird, filzstiftrotes Blut spritzt aus seiner Brust. In Farhans Alter habe ich Blumen, Autos und meinen Vater beim Einkaufen gezeichnet. Verteidigen wollte ich nichts. Außer vielleicht das Recht, so lange aufbleiben zu dürfen, um den Kurzsport nach den Nachrichten sehen zu können.

„Ich will später Polizist werden, weil ich meine Heimat verteidigen will.“

Farhan zeichnet die Bilder, die er nicht mehr aus seinem Kopf bekommt. Der schüchterne 12-Jährige musste mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien nach Jordanien fliehen. Heute lebt er wie weitere 40.000 Flüchtlinge hier in Zarqa. Mehr als die Hälfte der Geflohenen sind Kinder. Kinder wie Farhan, die im Krieg und auf der Flucht Schreckliches erlebt haben. Manche machen im Alter von zehn Jahren wieder ins Bett. Andere haben Albträume. Viele haben aufgestaute Aggressionen, streiten ständig oder ziehen sich vollkommen in sich zurück. Die meisten Flüchtlingskinder haben keinen Zugang zu Bildung oder Schule. Eine ganze Generation wächst heran, ohne die Chance auf Sicherheit und ohne Zukunftsperspektiven. Insgesamt leben heute hunderttausende syrische Kinder im schulfähigen Alter in Jordanien – knapp die Hälfte dieser Kinder besucht keine Schule.

Die Flüchtlingskinder haben Schwierigkeiten, in das formelle Schulsystem eingegliedert zu werden. Viele haben Monate oder Jahre keine Schule besucht, die Lücken sind groß. Auch Farhan war zwei Jahre nicht in der Schule. Jetzt drückt er wieder die Schulbank und versucht, in einer Nachholklasse versäumten Stoff aufzuholen. Wenn die jordanischen SchülerInnen am frühen Nachmittag nach Hause gehen, geht es für Farhan und die syrischen Kinder erst los. Doch obwohl die Schulen am Nachmittag eine zweite Schicht für die Flüchtlingskinder bieten, fehlt es an freien Plätzen. In Zarqa ermöglicht die Caritas Nachholunterricht, damit sie verpassten Lernstoff aufholen und die Schule erfolgreich abschließen können. „Mathematik ist mein Lieblingsfach“, erzählt Farhan stolz.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es Farhan geht, habe keine Ahnung, wie es in ihm aussieht. Und ich komme mir schäbig vor, als ich ihn bitte, für ein Foto seine Zeichnung in die Linse zu halten. Als ich zum letzten Mal den Auslöser drücke, schenkt mir Farhan ein Lächeln und ein Peace-Zeichen. Für eine Sekunde blitzt in seinem schmalen Gesicht Freude auf.

Hier im Zentrum lernen Mütter ihre eigenen Kinder wieder zu verstehen, mit ihren traumatisierten Töchtern und Söhnen umzugehen. Viele Kinder haben ihre Stimme verloren, sie sprechen nicht mehr oder sind aggressiv. Zuviel haben sie auf der Flucht und im Krieg gesehen, gehört und erlebt. Hier stehen Mitarbeiterinnnen und Psychologen zur Seite und geben wichtige Unterstützung.

Zuhörer in Weiß

Der Doktor des Zentrums strahlt die Gelassenheit eines Mannes aus, der alles gesehen hat. Eines Mannes, der nicht mehr immerzu bewerten muss, nicht bewerten darf, sonst hätte er längst den Weißkittel abgelegt. Erst verstört mich diese Gelassenheit. Wohl weil ich sie als Gleichgültigkeit auffasse. Wieder ein ignoranter Mediziner. Einer von der Sorte, der meinen hustengeplagten, herzkranken Großvater beim zweiminütigen Hausbesuch nicht frägt, wie es ihm geht, ihn nicht einmal berührt. Ferndiagnose von Angesicht zu Angesicht. Arztverdrossen setze ich mich auf den Patientenstuhl vor dem wuchtigen Schreibtisch und stelle eine hirnlose Frage nach den täglichen Herausforderungen. Der Mann lächelt, sieht mich lange an und antwortet: „Zuhören ist der halbe Weg zur Besserung. Jeder Patient bringt seine Leidensgeschichte, seine Lebensgeschichte, mit in den kleinen Untersuchungsraum. Und lässt etwas da. Die Flüchtlinge haben Unsägliches erlebt“, schildert der Arzt. Mir wird klar: hier werkt kein kalter Mediziner. Verprügelte, Getretene, Zigarettenverbrannte, Aufgeschnittene, Verstümmelte, Erniedrigte, Vergewaltigte, Gefühllose, Verstummte, Wütende, Todesängstliche. Sie alle sitzen jeden Tag dort wo ich sitze. Mehr als 30 von morgens bis abends.

„Zuhören ist der halbe Weg zur Besserung.“

„Giving dignity to patients. No numbers, all humans.“ Zuhören, beistehen, aufbauen, heilen. Das medizinische Handwerk, das der Doktor vor Jahrzehnten in Spanien erlernt hat, gibt es als Nebenwirkung obendrauf. Früher war er beim Staat angestellt, hat auch im staatlichen Krankenhaus ordiniert, aber hier ist er angekommen, hier kann er helfen, erzählt er. „Wenn ich abends das Stethoskop in die Schreibtischlade lege und heimfahre zu meiner Frau, versuche ich abzuschalten, auszublenden.“ Meist gelingt es und die Schicksale bleiben hier im Zentrum zwischen den Plastikstühlen am Gang, der sterilweißen Liege und den Medikamentenschränken. Meist.

Mariam, die Großherzige

„Das ist Mariam“, stellt der Doktor das zierliche Mädchen vor, das während unseres Gesprächs den Raum betreten hat. Mariam ist Sozialarbeiterin hier im Zentrum. Sie trägt Sneaker, lackiert ihre langen Fingernägel grellpink, trägt großzügig Make-up und Riesenohrringe. „Wenn ich zuhause esse, denke ich an die Väter, die hier bei uns Hilfe suchen, weil sie nicht wissen, wie ihre Kinder versorgen sollen“, erzählt sie mit feuchten Augen. „Ich kann es kaum ertragen, wenn verzweifelte Familienväter berichten, dass sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Es bricht mir das Herz, wenn ich Menschen vertrösten oder wegschicken muss, weil es nicht mehr Mittel gibt. Ich wünsche mir nur, dass die Unterstützung für unsere Arbeit nicht endet. Es ist das schönste Gefühl, wenn diese Väter dann wieder kommen, um Danke zu sagen, weil das Baby nun endlich nicht mehr vor Hunger weinen muss. Trotz aller Not ist jeder Tag ein guter Tag – solange ich helfen kann! You need to give more, you know.“ Die 27-jährige zögert auch nicht, ihre eigene Familie und Freunde um Hilfe zu bitten, um syrische Flüchtlingsfamilien zu versorgen. Damit ist sie nicht alleine, auch ihre Kolleginnen im Zentrum setzen alle Hebel in Bewegung um zu helfen.

„Ich kann es kaum ertragen, wenn verzweifelte Familienväter berichten, dass sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen.“

Wie viele andere hier kann sie sich noch genau an ihre ersten Fälle erinnern. Sie wollte schon immer in der Gemeinde helfen. „Dabei fühle ich mich ganz“, erzählt sie. Die Übersetzung bräuchte ich gar nicht. Ich nicke ihr nur zu und glotze in ihre glänzenden Augen. Unmaskiert sitzt sie da, die Mutige. Hier kann man keine Masken tragen. Demaskierend sind die Schicksale, die hier durch die Tür kommen. Sie nickt zurück. Ich fühle mich Mariam verbunden, habe das Gefühl, ihr mit meinem Zuspruch ein wenig Last abzunehmen. An diesem Montag in Zarqa treffe ich eine beeindruckende junge Frau. Ihre Offenherzigkeit ist entwaffnend.
Die tapfere Mariam hat keine Scheu, das Wort zu ergreifen. auch der Arzt hinter dem Schreibtisch weiß das. Bewunderung und Respekt auch vom Kollegen in Weiß. Mariam will weiter erzählen. Sie schildert, wie ein Vater seine Kinder misshandelt. Er knüpfte die Kleinen zur Strafe am Deckenventilator auf, vergewaltigte und misshandelte seine Frau. Nur mit Hilfe ihrer Kolleginnen konnte die Frau mit ihren Kindern aus dieser Hölle mittlerweile entkommen.

An ihrem Schreibtisch will sich Mariam fotografieren lassen. An ihrem Arbeitsplatz, ihrer Wirkstätte. Ich denke mir: Wer Mariam hier gegenüber sitzt ist gerettet, hat ein Herz gefunden, das sich kümmert, das sich annimmt. Hinter dem Sucher meines Fotoapparates kann ich mich kurz verstecken. Mariam will ein Foto machen mit mir. Ich schaffe es nicht, ihr zu sagen, dass ich sie bewundere, dass ich gerührt bin von ihrem Großmut. Sie legt ihren dünnen Arm um mich. Zwei Köpfe größer, stehe ich neben einer Riesin und bin froh auch ein bisschen gerettet worden zu sein.

Zuhause in Zaatari

Stell dir vor, es ist Krieg in deinem Land. Polizisten haben dich bereits dreimal geholt und ins Gefängnis geworfen. Unter Folter haben sie versucht, Namen von dir zu erfahren. Die Angst um deine Frau und deine zwei Kinder neben der körperlichen Qual unträglich. Erst nach Tagen der Misshandlungen, der Ungewissheit und Todesangst lassen sie dich wieder laufen. Seither schmerzt dein Rücken, an schlechten Tagen kannst du dich kaum rühren. Deine Brüder wurden ebenfalls festgenommen. Du hast keine Ahnung wo sie sind, ob sie noch leben.

Eines Tages ist der Krieg, sind die Kämpfe, die Schüsse und Bomben in deiner Stadt angekommen. Helikopter fliegen über die Dächer. Über die Schule deiner Kinder, deinen Laden, den Markt, die Parks. Wenn ein Helikopter über dein Haus fliegt, halten alle die Luft an. Jeden Augenblick kann die Bombe in deinem Garten oder im Wohnzimmer deiner Bekannten detonieren. Diese Angst ist schrecklich. Immer häufiger werden die Explosionen. Die Häuser der Nachbarn werden von Fassbomben zerstört, ganze Familien sterben zwei Straßen weiter im Schrapnellregen. Deine Kinder weinen und schreien, sie sind kaum zu beruhigen. Du hast keine Wahl mehr. Du musst dein Zuhause verlassen, alles zurücklassen. Ob du dein Haus, deine Freunde und Bekannten jemals wiedersehen wirst?

Ein Freund eines Freundes bringt dich und deine Familie mit seinem alten Kleinbus zur Grenze, zur Grenze nach Jordanien. Die letzten Kilometer läufst du mit deiner Familie in der Dämmerung durch die Steinwüste. Die Kleinen im Arm und am Rücken. Zwei Koffer, sonst nichts. Völlig erschöpft kommt ihr mit anderen Familien an der Grenze an. Sicherheit, hoffentlich.

Jetzt lebst du dicht gedrängt mit 90.000 anderen Menschen mitten im staubigen Niemandsland. Du hast kein Geld, um dir die Miete für eine Unterkunft außerhalb dieses Lagers zu leisten. Den Goldschmuck und die Uhr deines Vaters hast du längst verkauft. Seit mehr als zwei Jahren wachsen deine Kinder zwischen Wellblechhütten, Containern und Zelten auf. Behausungen so weit das Auge reicht. Mehr als die Hälfte der BewohnerInnen hier in Zaatari sind Kinder. 1800 Kinder wurden allein im vergangen Jahr in dieser Zwischenheimat geboren. Eine Wasserleitung gibt es nicht. Vier Millionen Liter Wasser werden täglich ins Lager transportiert, sagen sie in den Nachrichten. Immerhin werden die Hauptwege in der Nacht beleuchtet, hier kann man sich recht sicher bewegen.

Zuhause in Syrien hattest du ein großes Haus, ein gutes Leben als Eisenwarenhändler. Jetzt zwei Garnituren Kleidung, vier Matratzen, einen klappernden Kühlschrank, Geschirr und einen kleinen Röhrenfernseher. Keine Bücher, keine Tische, keine Kleiderschränke, keine Bilder oder Fotos. Nur brütende Hitze unter der Plastikplane, die im Wind flattert.

Du lebst mit deiner Familie in einem Wellblechverschlag. In einem einzigen Raum. Keine Möglichkeit sich zurückzuziehen. Im Winter ist es hier eiskalt, im Sommer unerträglich heiß. Windig ist es immer. Einmal bringt der Wind die beißende Kälte durch die Ritzen, einmal feinen Sand und Staub. Aber hier gibt es wenigstens keine Bomben. Den Kindern scheint die Enge auch nichts auszumachen. Sie spielen und lachen.

Du hast dir mit den Nachbarn einen Dieselgenerator gekauft, der für ein paar Stunden am Tag Strom liefert. Energie für Bilder einer anderen Welt auf dem TV-Schirm. Das ist die einzige Abwechslung für dich und deine Liebsten. Jeden Tag spazierst du durch die Einkaufsstraße. Gehst auf die kleine Anhöhe, wo du das syrische Mobilfunknetz nutzt, um Verwandte und Bekannte in Syrien zu erreichen. Von vielen Freunden hast du seit Wochen nichts mehr gehört. Tagein, tagaus nichts zu tun. Keine Perspektive, keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Du darfst nicht legal arbeiten in diesem Land. Das Camp zu verlassen ist schwierig. Wenn du Glück hast, kannst du in paar Stunden im winzigen Laden ums Eck arbeiten. Für ein paar Dinar. Nützlich sein, ein Aufgabe haben, du genießt die Stunden im Shop neben Wassermelonen, Limonaden und Kaugummis. Du unterhälts dich mit den Menschen, lauschst amüsanten Alltagsgeschichten. Manchmal denkst du dir, dass sich die Geschichten kaum von jenen in deinem Eisenwarenladen unterscheiden.

Deine Kinder können nicht zur Schule gehen. Was soll aus ihnen werden? Ihnen bleibt das Fußball- und Versteckspiel mit den Nachbarskindern am Abend. Graslos, sandig, der Platz zwischen Hilfsorganiationslogos und der neuen Krankenhausbaustelle. Du wünschst dir, den Kindern öfter Eis kaufen zu können oder ihnen sonst eine Freude zu bereiten. Bist aber ständig ungehalten und streng, kannst die Frustration nicht länger hinunterschlucken. Nach jedem harrschen Wort zu deinen Kleinen fühlst du dich mies.

Immer wieder kommt es zu Unruhen zwischen den Camp-Bewohnern. Wenn du die Baracke verlässt, sorgst du dich um deine Familie. Der Krieg in deiner Heimat dauert nun bereits mehr als vier Jahre. Es ist kein Ende in Sicht. Sollten die Waffen dennoch eines Tages wieder verstummen, wird sich dein Land nicht so schnell erholen – weder die gepeinigten Menschen, noch die zerstörten Dörfer und Städte. Du bist trotzdem entschlossen zurück zu gehen in deine Heimat, zurück nach Syrien. Irgendwie wird es gehen.

Heute fühlt es sich an wie im Backofen. Es hat mehr als 45 Grad. Das Wasser im Tank hinter dem Haus ist knapp. Die Männer haben versucht den Tank zu kippen, um so an die letzten Wasserreste zu kommen. Die Hitze in der Wohnschachtel unerträglich. Die jordanische TV-Moderatorin sagt, ein Sandsturm wird kommen. Schon wieder. Deine kleine Tochter wird wieder weinen. Das Scheppern des Daches erinnert sie wahrscheinlich an die Helikopter. Und der Sand wird wieder überrall hineinkriechen, sich festsetzen.

Nach dem Sturm musst du mit deiner Frau aufräumen, putzen. Euer Heim, die Schlafplätze unter Blech und Planen, für die kommende Nacht säubern.

Abwechslung, immerhin.