F*** Poverty Porn – ein Aufruf zur Enthaltsamkeit

Es ist so geil, weil es so einfach ist: Man nehme weinende Kinder, dürre Frauen und weiße ErlöserInnen und bekommt Spenden. Wir SpendensammlerInnen müssen uns trotzdem endgültig von Elendsbildern enthalten und mutig bessere gute Geschichten erzählen.

Ich gestehe, ich habe es auch getan. Unzählige Male in den vergangenen Jahren. Als Redakteur für Hilfsorganisationen und NGOs habe ich Geschichten geschrieben, Fotos geschossen und Videos gedreht, die bestmöglich Mitleid erwecken sollten. Geschichten über arme, arme Kinderlein, die jetzt rasch Hilfe brauchen, liebe Spenderin, lieber Spender. Kinder, die hungern, frieren oder arbeiten müssen, anstatt in die Schule gehen zu können. Frauen und Männer, die ohne Hilfe nicht Überleben können. Bilder der Not in Äthiopien, des Elends in Syrien oder der Hilfsbedürftigkeit in Albanien. Geschichten über HilfsempfängerInnen. Mir reicht das längst nicht mehr.

Ich habe genug von diesem Poverty Porn. Ich werde grantig, wenn mir halbnackte, schwarze, namenlose Kinder von Plakaten entgegen weinen. Oder wenn in Video-Clips Eltern und Kinder nur stumm in die Kamera blicken, während ein Erzähler die SeherInnen zum Spenden aufruft (und dazu traurige Klaviermusik dudelt). Und wenn mich weiße Leinwandberühmtheiten aus einer bedürftigen Kinderschar heraus anlachen oder Promis mir erzählen, wie sie Leben retten, dann haut es mir – auf gut Wienerisch – die Kabel raus.

Aber von Anfang an.

Poverty Porn? Was ist das?

Was meint denn der Begriff „Poverty Porn“ überhaupt? Wikipedia sagt: “[Poverty porn is] ‘any type of media, be it written, photographed or filmed, which exploits the poor’s condition in order to generate the necessary sympathy for selling newspapers or increasing charitable donations or support for a given cause.’ It is also a term of criticism applied to films which objectify people in poverty for the sake of entertaining a privileged audience.” Poverty Porn heißt demnach, Menschen als Objekte, als passive Empfänger und Empfängerinnen von Hilfe darzustellen. Die immergleiche Botschaft: Kinder, Frauen oder Männer sind Opfer, hilflos, sprachlos. Ihr Schicksal liegt in der Hand der westlichen RezipientInnen. Also in unserer Hand.
Sind wir uns ehrlich, das fühlt sich schon gut an, oder? Ein bisschen Allmachts- und ErlöserInnenfantasie macht den Poverty Porn gleich noch ein wenig geiler.

Fundraising mit Stereotypen: Haben wir doch immer schon so gemacht

Es ist nicht zu leugnen: Viele spendensammelnde Organisationen sind groß im Poverty-Porn-Business. Die einen produzieren hard-core Material, die anderen die softere Variante. Warum sie im Fundraising auf Poverty Porn setzen? Weil diese Methode zu funktionieren scheint – sprich: Spenden bringt. Und: weil es ganz einfach immer schon so gemacht wurde. Dabei ist vielen Hilfsorganisationen bewusst, dass sie mit ihrer Spendenwerbung oft genau jene Stereotypen bedienen, die sie mit ihrer Arbeit bekämpfen wollen. “Natürlich wissen sie, dass die Lage komplexer ist, aber sie wissen nicht immer, wie sie langfristige Hilfsprojekte finanzieren sollen. Also tun sie das, was schon lange funktioniert”, schreibt Dagmar Dehmer mit Blick auf den deutschen Spendenmarkt.

Logisch, alle wollen Aufmerksamkeit für die gute Sache und möglichst viele Spenden, um zu helfen. (Und diese Sache ist wirklich eine gute und Hilfe tatsächlich wirksam und notwendig.) Klar ist aber auch: viele FundraiserInnen würden dem Poverty Porn lieber abschwören. Und trotzdem scheinen sich in der Diskussion oft VertreterInnen der Fraktion “mehr Dramatik, mehr Dringlichkeit, mehr ausgemergelte Körper, mehr Kindertränen” durchzusetzen.

Nicht zu vergessen, dass Kampagnen die Ursachen von Armut, die eng mit Europa und dem Westen verknüpft sind, weitgehend ausblenden, wie auch Wissenschaftlerin Nadja Ofuatey-Alazard feststellt. Stichwort: Sklavenhandel, Kolonialismus, ungerechten Handelsbeziehungen, westliche Lebensweise. Hilfsorganisationen verteidigen sich dann mit dem Argument, dass Zusammenhänge zu komplex seien, um sie auf Plakaten, Fotos und in Kurztexten zu thematisieren. Dazu kommt die Angst, dass es die Spendenbereitschaft gefährden würde, unser Handeln als KonsumentInnen oder WählerInnen in Frage zu stellen und die scheuen SpenderInnen damit auf ihre Mitverantwortung an globalen Entwicklungen hinzuweisen.

Über Machtverhältnisse und Opferrollen

Poverty Porn verhindere außerdem, Lösungen zu finden, sagt Theo Sowa, vom African Women’s Development Fund: “When people portray us as victims, they don’t want to ask about solutions. Because people don’t ask victims for solutions.”

Linda Raftree geht es bei Poverty Porn sowieso um mehr als unseren Blick auf Menschen im Süden: “Poverty porn does not only have to do with the way the West views Africa, it is an expression of classism that appears wherever those with more are helping those with less. By changing the way we manage media, we can affect the way stereotypes proliferate. Here’s a taste of a debate that will surely continue as conservative thinkers react skeptically or defensively to the prospect of progress and equality of voice from those who are viewed historically as less.”

Mut zur Tiefe: trauen wir uns!

Spendensammelnde Organisationen – und damit die jeweiligen EntscheiderInnen, SchreiberInnen, Foto- und VideografInnen und GeschichtenerzählerInnen – müssen Stereotype und poverty-pornöse Botschaften erkennen und eliminieren. Oft müssten sie dabei nur den eigenen Werten und Visionen folgen und diesen hohen Standards auch in ihrer Kommunikation mit den SpenderInnen gerecht werden.

Wir wissen, dass viele SpenderInnen ebenfalls die Nase voll haben von permanentem Alarmismus und Elendsbildern. Und ich glaube, wir können den UnterstützerInnen mehr zumuten. Das heißt keinesfalls, weichgespülte Gute-Laune-Geschichten zu erzählen. Wir können sie einladen, tiefer zu blicken, Hintergründe zu erkennen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Obacht: LeserInnen und SeherInnen können Facettenreichtum tatsächlich vertragen!

Echte Menschen, gute Geschichten!

Geschichten sollen emotional berühren. Aber sie sollen auch ermutigen und Menschen wirklich miteinander in Verbindung bringen. Die vielbeschworene Methode des Storytellings funktioniert: nur über konkrete Geschichten, werden wir wirklich empathisch und nur die kleine Geschichte lässt uns große Zusammenhänge nachhaltig begreifen. Dabei muss es aber unsere Aufgabe sein, überzeugende Geschichten von echten Menschen zu erzählen, ohne deren Leben zu trivialisieren und zu stereotypisieren. Wir müssen Menschen als jene handelnden AkteurInnen zeigen, die sie sind. Dabei darf der eigene Beitrag, also die (fraglos wichtige) Arbeit der Organisation, getrost dorthin rücken, wo er hingehört: in den Hintergrund.

Das Rezept ist noch einfacher, als beim geilsten Poverty Porn: Wir müssen echte Menschen zeigen. Und “echt” meint, in ihrer Gesamtheit, mit allen Facetten und Rollen. Mütter und Väter, die alles erdenkliche machen, um ihre Familie zu ernähren, Kinder, die stundenlange Schulwege auf sich nehmen, um in der nächsten Dorfschule lernen zu können (Filmtipp zur Inspiration: “Auf dem Weg zur Schule” von Pascal Plisson) oder allen Widrigkeiten trotzende KleinbäuerInnen und UnternehmerInnen, die Vorbilder für ganze Gemeinschaften werden. Wir müssen die enorme Widerstandskraft, den unbändigen Überlebenswillen und die Zufriedenheit, die Menschen auch unter schwierigsten Umständen an den Tag legen, zeigen. Und genauso müssen wir zeigen, dass Menschen die Hilfe, die mal lebensrettend, mal zukunftsprägend ist, in Anspruch nehmen und wie gut diese Hilfe wirkt.

Immer sollen Menschen ihre Geschichten selbst erzählen können. Und wir müssen es als Privileg verstehen, diese Geschichten weitererzählen zu dürfen. Für mich heißt das: ich muss bessere Arbeit leisten. Wir brauchen schlicht bessere Bilder und bessere Geschichten. Ja, dafür muss man öfter den Schreibtisch verlassen. Ja, dafür braucht es intensivere Recherche. Ja, dafür muss man mehr Zeit mit den Menschen verbringen. Richtige Gespräche statt Interview-Überfälle im Blitzlichtgewitter. Wir brauchen Mut, die ganzen Geschichten weiterzuerzählen. Denn nur dann sind es bessere gute Geschichten. Und nur das sollte uns reichen.


Gibt es valide Zahlen, die die Wirksamkeit guter Geschichten abseits von Poverty Porn belegen? Wo müssen wir unsere Sprache grundsätzlich überdenken? Wie wirkt Storytelling im Fundraising? Was kann man sich beim konstruktiven Journalismus abschauen? Welche Darstellungsformen sind wofür besser geeignet? Was tun gegen Psychic Numbing? Welche Best- & Worst-Practice Beispiele gibt es? uvm. ab sofort wird es hier zum Thema Content- und Storytelling im NGO-Kontext regelmäßig etwas zu lesen geben.

Interessiert? Einfach auf Twitter, FB oder IG über neue Beiträge informieren.

Planlose Brüder im Podcast

Ich mach ja nix lieber, als die Geschichten von Menschen zu hören und weiterzuerzählen. Und obwohl eher Schreiberling- statt Radiostimme, mach ich das ab sofort auch im Rahmen eines Podcasts – und mit dem Lieblingsbruder.

In unserem Podcast „Gebrüder Planlos“ sprechen wir, Martin und Stefan, mit Menschen, von deren Welt wir keine Ahnung haben. Wo wir planlos sind. Das können prominente Menschen sein, viel öfter sind das aber Menschen, von denen auch unsere HörerInnen noch nie etwas gehört haben.

Wo wir planlos sind. Das können prominente Menschen sein, viel öfter sind das aber Menschen, von denen auch unsere HörerInnen noch nie etwas gehört haben.

Was soll ich sagen, es ist eine große Freude. Aber hör‘ einfach mal rein. Immer Montags gibt’s eine neue Folge!

In der Rolle seines Lebens

Er steht stundenlang auf der Bühne, isst in Armenküchen und schläft im Park. Um für seine Kinder zu sorgen, schlüpft Jozeph P. Tag für Tag in die Haut eines anderen.

Zuletzt pinselt sich Jozeph P. schwarze Farbe über die Oberlippe. Behutsam malt er den Bart zweifingerbreit auf die bleich geschminkte Haut. Jeder Pinselstrich sitzt, Jozeph hat Routine. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht von den Fremden, die in seine Umkleide stürzen, stirnrunzelnd in die Toilette huschen, um dann wieder wortlos zu verschwinden. 20 Minuten steht Jozeph vor dem Spiegel, um sich für seinen Auftritt fertig zu machen. Tag für Tag spielt er vor hunderten Zuschauern. Auch heute wartet das Publikum bereits. Ein letzter Blick in den Spiegel: das Kostüm sitzt, das Make-up passt. Also raus aus der Umkleide. Auf dem Weg zur Bühne, geht er vorbei an kauenden Teenagern und brüllenden Kindergruppen. Anders als im Burgtheater gibt es auf Jozephs Bühnen keine Platzkarten für das Publikum, sondern für die Künstler selbst. Die Zuschauer sitzen auf Plastiksesseln statt in gepolsterten Stühlen und genießen Burger und Pommes statt Sekt und Lachsbrötchen. Das Theater zwischen Schnellimbiss und Wettcafé zeigt Charlie Chaplin. Das Bühnenbild: Gehsteig. In der Hauptrolle: Jozeph P.

Sie zeichnen, musizieren, tanzen auf berühmten Plätzen und viel besuchten Einkaufsstraßen. Straßenkünstler unterhalten Passanten in allen großen Städten – auch in Wien. Viele jener Musiker, Akrobaten oder Pantomime, die hier auf die Großzügigkeit der Wienerinnen und Wiener hoffen, kommen aus Osteuropa. Sie ringen mit bürokratischen Auflagen und nehmen Vieles in Kauf, um mit dem erspielten Geld ein Auskommen zu finden. Jozeph P. ist einer von ihnen. Um seine Kinder zuhause in der Slowakei versorgen zu können,  schläft er zwischen den Auftritten auf Parkbänken und isst in Armenküchen. 

Die erste Verwandlung

Ebenfalls vor einem Spiegel, diesmal nicht in einem McDonalds-WC, sondern in einem Zimmer in Paris, beginnt Jozephs Karriere als Pantomime. An diesem Tag vor zwei Jahren schlüpft Jozeph zum ersten Mal in den schwarzen Anzug. “Lange hatte ich Angst vor dem Frack. Ich wollte ihn nicht einmal berühren. Aber es blieb mir keine andere Wahl, als ihn anzuziehen und diese Rolle zu spielen”, erinnert sich Jozeph an die erste Verwandlung in Charlie Chaplin.
Bei zahllosen Auftritte auf den Straßen von Nizza und Monaco verinnerlichte der großgewachsenen 51-Jährige mit den dunklen Augen und der tiefen Stimme Charlies Mimik und dessen typische Bewegungen. Dann wurde er Vater und Frankreich kam nicht mehr in Frage. “Die Kinder in der Heimat brauchen mich. Meine Tochter will nicht, dass ich lange weg bin”, sagt Jozeph, der deshalb jetzt in Wien spielt.

Bei jedem Wetter auf der Bühne

Jozeph tritt aus dem Lokal und auf seine Bühne. Während die Straßenbahn vorbei quietscht, platziert er seine Box  für die Geldspenden. Mit seinen großen Händen packt er den Spazierstock und zupft den Hut zurecht. Die Vorstellung beginnt. Jeden Tag und bei jedem Wetter steht Jozeph als Charlie auf der Gehsteigbühne. Wenn das Wetter schlecht ist, am Hauptbahnhof, wo er vor Wind und Regen geschützt ist. Wenn es schön ist, wie an diesem Nachmittag, arbeitet er in Floridsdorf vor einem Fastfood-Restaurant. “Hier ist immer etwas los. Und hier lassen mich die Polizisten in Ruhe”, sagt Jozeph. Gerne würde er auch an noch belebteren Orten wie auf der Mariahilferstraße oder dem Stephansplatz spielen, doch dafür fehlt ihm die Genehmigung.

Offizielle Erhebungen darüber, wie viele Künstlerinnen und Künstler wie Jozeph auf Wiens Straßen auftreten, gibt es nicht. Grundsätzlich darf überall musiziert, getanzt, jongliert oder etwa gezeichnet werden. Doch für die meisten öffentliche Orte in den Bezirken eins bis sechs – also für die guten, weil passantenreichen Straßen und Plätze – müssen Straßenkünstler eine Platzkarte lösen. Das Interesse an diesen Genehmigungen ist groß. Platzkarten, so die Auskunft des zuständigen Magistrats 36, würden stets allesamt vergeben. Rund 140 Künstlerinnen und Künstler holen sich regelmäßig eine Berechtigung.

Charlie Chaplin sorgt für die Familie

Das Publikum ist großzügig an diesem Nachmittag. Eine junge Mutter, zwei alte Frauen und ein junger Rucksackträger werfen bald Münzen in die Box. Dann zieht Charlie seinen Hut, um sich zu bedanken.
Wie viel er mit seiner Straßenkunst verdient, erklärt Jozeph, hänge von der Laune der Menschen ab – und vom Wetter. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger. Wie viel genau, darüber will er nicht reden.
Jozephs Familie lebt von den Münzen, die klimpernd im Hut landen. Die Münzen bezahlen die Miete für die kleine Wohnung in einem Dorf im Süden der Slowakei und die Schule für seine zwei Kinder. Die 12-jährige Tochter bekommt eine musikalische Ausbildung, der 15-jährige Sohn lernt im Gymnasium. “Würde ich nicht im Ausland auf der Straße arbeiten, könnte ich meine Familie nicht erhalten, mir die Schule für meine Kinder nicht leisten”, sagt Jozeph, der alle zwei Wochen für ein paar Tage nach hause fährt, um seine Kinder zu sehen. Rund 240 Euro im Monat bekommt die Familie vom Staat. Allein die Musikschule für die Tochter koste rund 70 Euro im Monat. “Heute hätte ich wieder überweisen müssen, aber ich habe das Geld einfach noch nicht”, sagt Jozeph.

Als Straßenkünstler darf Jozeph P. in Wien nichts für seine Darbietung verlangen. Gemäß Verordnung darf er nur auf Spenden hoffen, sonst würde er unter die Gewerbeordnung fallen. Doch auch von Spenden lebt es sich besser, als zuhause in der Slowakei. Wo er herkommt, nahe der ungarischen Grenze, dort wo viele ungarischsprachige Familien leben, ist fast jeder dritte arbeitslos. Das durchschnittliche Nettoeinkommen eines Haushaltes liegt bei rund 600 Euro im Monat.
Geld hatten auch Jozephs Großeltern nicht, bei denen er aufwuchs. “Ich bin sicher nicht mit Sahne im Mund auf die Welt gekommen”, zitiert Jozeph ein ungarisches Sprichwort. Es gab kein Geld, ihn auf die Schauspielschule zu schicken. Dabei wollte er schon in jungen Jahren Schauspieler werden. So besuchte er schließlich eine Musikschule und lernte die Geige zu spielen.

Statt eines Bogens schwingt Jozeph an diesem Nachmittag seinen Hut, wirbelt den Spazierstock. Schweißtropfen verrinnen in der weißen Schminke. Das Smartphone oder den Burger im Blick, interessiert sich kaum jemand für den Pantomimen im Frack. Und doch: immer wieder gelingt es Jozeph Passanten zum Lachen zu bringen. “Das Leben hat mich gezwungen, diese Rolle zu spielen. Aber ich weiß: als Schauspieler, als Charlie, kann ich den Leuten Freude machen”, sagt Jozeph und Stolz schwingt dabei in seiner Stimme. “Irgendwie habe ich doch noch einen Weg gefunden, Schauspieler zu werden. Es ist ein sehr schönes Gefühl, ans Ziel gekommen zu sein – auch ohne Schauspielschule.”

Jede Münze zählt

Jozephs Arbeitstag beginnt meist gegen Mittag. Davor isst er eine warme Mahlzeit in einem Caritas-Tageszentrum für obdachlose Menschen im 18. Wiener Gemeindebezirk. 50 Cent bezahlt er für das Mittagessen. Danach fährt er zum Auftrittsort, schlüpft auf einer Toilette ins Arbeitsgewand. Mit kurzen Pausen spielt Jozeph dann bis zum Abend, bis die letzten Zuschauer in die Straßenbahn verschwunden sind. In den kalten Monaten, wenn es empfindlich kalt wird unter dem Frack, geht er nach der Arbeit ins Notquartier. Gleich nach einer heißen Dusche telefoniert er dann mit seiner Frau. Bisher, erzählt Jozeph, hätte er auch im Winter bei frostiger Kälte draußen geschlafen. Erst heuer sei er erstmals in ein Notquartier in Meidling gegangen. Im Frühling und Sommer, sagt er, schläft er immer noch draußen. So bleiben ganz einfach mehr Münzen, mehr Geld, für die Familie daheim.

Es fällt kein Vorhang, es gibt keinen Abtrittsapplaus. Jozeph packt seinen grünen Rucksack und verlässt die Gehsteigbühne. Für heute ist die Vorstellung zu Ende. Morgen wird Jozeph wieder in den Frack schlüpfen und den Oberlippenbart aufmalen. Wie lange er noch als Charlie sein Geld verdienen will, weiß er nicht. “Aber sicher nur solange, bis die Kinder aus dem Haus sind und meine Unterstützung nicht mehr brauchen. Dann gehe ich in Pension”, sagt Jozeph und lacht. Vielleicht will er vor dem Ruhestand nochmals in die Schweiz. Dort seien die Leute noch spendabler als in Wien. Und in Genf, da gäbe es schließlich sogar eine Statue von Charlie Chaplin. Gerade so, als wäre sie dort aufgestellt worden, um auf die nächste Spielzeit hinzuweisen. Zu sehen: Charlie Chaplin. In der Solorolle, direkt von den Wiener Bühnen: Jozeph P.

Letzter Schultag [Blog]

Ich liebe diesen Freitag im Juni. Diesen einen Tag im Jahr, an dem die Klarsichthüllen Ausgang haben. Diesen Tag, an dem sich morgens alle lachend auf den Weg machen. An dem die schweren Taschen zu Hause bleiben, genauso wie die Last der Erwartung. An dem Kinder Blumen mitbringen, statt Frust. Ich liebe diesen Tag, den letzten Schultag vor den Sommerferien.

Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal eine leere Klarsichthülle zur Schule getragen habe. Und trotzdem: An diesem einen Tag liegt für mich bis heute eine Brise Leichtigkeit und Freiheit in der Sommerluft. Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich sie schmecken. Frei und leicht,mit einer kräftigen Note Vorfreude, hat es da geschmeckt vor Schultoren und offenen Klassenzimmerfenstern. Ein Geschmack, der mir vertraut ist, der mich schmunzeln lässt. Es ist die befriedigende Gewissheit, etwas abgeschlossen zu haben. Dieses Gefühl, endlich Pause zu haben. Der Ausblick auf Tage und Wochen der Unbeschwertheit, auf Monate ohne Verpflichtungen und Leistungsdruck. Auf Ruhe.

An diesem letzten Schultag durch die Freiheitssommerluft zur Arbeit radelnd, dachte ich darüber nach, dass mein Hirn nur dann funktioniert, ich nur dann kreativ sein kann, wenn ich Pausen mache. (Selbst diesen kurzen Text schreibe ich nicht am Stück.) Ich dachte darüber nach, dass ich außer schlafen eigentlich gar nichts acht oder mehr Stunden ununterbrochen machen will. Nicht küssen, nicht schreiben, nicht radfahren.

Ja, ich habe großes Glück: Ich mag meine Arbeit – vieles davon sogar sehr. Ich schleppe keine Pflastersteine,  bücke mich nicht übers Fließband. In meinem Job sitze ich anständig bezahlt an einem Schreibtisch, darf meine Ideen einbringen und meinen Überzeugungen treu bleiben. Darüber hinaus muss ich selten wirklich lange in den Bildschirm glotzen und in die Tastatur klopfen. Und trotzdem: Ich brauche meine Dosis arbeitsfreie Zeit. Täglich. Und wenn heute große Skepsis darüber herrscht, ob wir in Österreich einen 12-Stunden-Arbeitstag wollen, dann auch deswegen, weil ich mit diesem Bedürfnis nicht alleine bin. Sei es weil die Hände müde werden, der Rücken verkrampft oder die Ideen versiegen – Pflasterschupfer oder Sesselfurzer, jeder braucht Zeit für sich selbst und für die Liebsten.

Aber mit der täglichen Portion Ruhe ist es nicht getan. Ich brauche auch längere Pausen. Urlaubspausen zum Beispiel. Fünf Wochen stehen mir da zur Verfügung, für wirksame Entschleunigung – tatsächlich gehe ich dann auch langsamer – brauche ich drei davon am Stück. Mindestens.
Vergleichsweise sind diese 25 Urlaubstage natürlich Luxus: US-Amerikanerinnen und Amerikaner haben nur durchschnittlich 15 Tage Urlaub. Chinesinnen und Chinesen gar nur 10 Tage – das sind 240 von 8760 Stunden im Jahr arbeitsfrei. Wie kann das gehen?

Stimmt schon, ich kann über derartiges nachdenken, weil ich gut gebildet in einem der reichsten Länder der Welt in einem Büro sitze. Ich kann darüber sinnieren, ob ich mir zum eigenen Seelenwohl Zeiten der Ruhe verordne. Ich kann es mir leisten, weniger zu arbeiten, etwa um mich weiterzubilden und meinen Horizont zu erweitern. Die meisten Menschen können das nicht.

Trotzdem – oder vielmehr weil ich dieses Privileg auch als Verpflichtung begreife: Ich plädiere für die regelmäßige Auszeit. Jeden Tag genügend Stunden, jedes Jahr ein paar Monate, alle paar Jahre ein ganzes Jahr. Ich plädiere für die schamlose Nutzung sämtlicher Sabbaticals, Bildungskarenzen und sonstiger institutionalisierter Pausenspender. Ich will Reisepausen und Schreibklausuren. Ich will Dinge bewusst beenden, Ruhe bewusst genießen, um dann bewusst neu zu beginnen. Ich kann jeden Tag, jeden Moment, in die wohlverdienten Ferien starten. In diesem Sinne: Ich bin dann mal in der Sonne.

Kämpferinnen gegen den Hunger

Sie arbeiten auf Feldern, ernähren Kinder und helfen in Not. Weltweit sind Frauen die wichtigsten Akteure im Kampf gegen Unterernährung – nirgendwo wird das deutlicher als in Burundi.

Unerbittlich packt Schwester Beatrice den Arm noch fester, zieht die Schlinge noch enger. Ein rascher Ruck, das Plastik drückt Striemen in die Haut. Die kleinen Finger krallen sich in den Hals der Mutter. Aus Wimmern wird lautes Weinen. Mit einem fingerbreiten Plastikband vermisst die Schwester den Oberarm des Kleinkindes. Das Band zeigt eine Skala mit einem grünen, einem gelben und einem roten Bereich. Jetzt zeigt die Skala rot. „Ihre Tochter braucht dringend kräftigende Nahrung”, sagt Schwester Beatrice zur Mutter. Ihre Kollegin notiert: Oberarmumfang: 103 mm. Das zwölf Monate alte Mädchen wiegt nur 4,3 kg. Schwester Beatrice weiß, gesunde Kinder wiegen in diesem Alter doppelt so viel. Unter den Namen des Kindes schreibt sie: malnutrition: trés sévère, sehr schwere Unterernährung.

Kinder hungern zwischen grünen Feldern

In Schwester Beatrices Heimatland Burundi leidet jedes zweite Kind unter den Folgen von Unter- und Mangelernährung. Das Land im Herzen Afrikas ist einer der ärmsten Staaten der Welt. Auf einer Fläche nur etwas größer als Niederösterreich und Wien zusammen leben elf Millionen Menschen, fast alle als Selbstversorger. Doch die Felder sind nicht produktiv genug, um die Menschen zu versorgen. Auch im Zentrum des Landes, in der Provinz Gitega, hungern Kinder zwischen grünen Feldern. Wie in den meisten Entwicklungsländern sind es auch in Burundi Frauen, die den Kampf gegen den Hunger aufnehmen. Als Mütter, Krankenschwestern oder Kleinbäuerinnen bestimmen sie das Schicksal des kleinen Landes.

Ihre kleine Tochter im Tragetuch auf den Rücken gebunden, marschiert Nadia Niyongabo*  vorbei an üppig grünen Palmen. Erst über ausgewaschene Wege, dann entlang der asphaltierten Hauptstraße. Der Frühnebel liegt noch über den Hügeln und vermischt sich mit dem Rauch der Kochstellen. Nach einer knappen Stunde ist sie an ihrem Ziel angekommen. Auf dem großen Anwesen mit mehreren Gebäuden aus roten Lehmziegeln sitzen rund 80 Frauen in bunten Wickelkleidern mit ihren Kindern im Schatten einer blauen Plastikplane. Eine Ordensschwester hat gerade mit ihrem Vortrag begonnen. Nadia sieht die Tafel mit den Bildern von Lebensmitteln nicht zum ersten Mal. Die 21-Jährige weiß bereits, welche Nährstoffe ihre Tochter braucht, um gesund und ohne bleibende Schäden aufwachsen zu können. Frau Niyongabo ist erneut hierhergekommen, weil sie noch immer Hilfe braucht.

„Mit Gottes Hilfe tun wir, was in unserer Macht steht“

Schwester Beatrice, eine zierliche Frau mit überraschend kräftigem Händedruck und lautem Lachen, kennt die nationalen Hunger-Statistiken nicht, aber sie kennt das Gesicht des Hungers. Die abgemagerten Körper, die ausgebleichten Haare, die Apathie, die verzweifelten Blicke der Mütter. Seit zehn Jahren trägt sie die hellblaue Kutte des Schwesternordens „Neues Leben für die Versöhnung“. Davor war sie Krankenschwester. Hier untersucht sie Kinder, die mit fünf Jahren gerade so groß sind, wie ein gesundes Dreijähriges. Zweimal pro Woche können Mütter mit ihren Kindern kommen, um sich satt zu essen. Dazu verteilen die Schwestern Milchpulver und schulen die Mütter in Ernährungsfragen. In der Region sind sie, unterstützt von internationalen Gebern, eine der wichtigsten Anlaufstellen für notleidende Menschen. „Mit Gottes Hilfe tun wir, was in unserer Macht steht“, sagt Schwester Beartrice, wischt sich den Schweiß aus den Augen und widmet sich dem nächsten Kind.

Nach der Untersuchung werden Frau Niyongabo und die anderen Mütter zur Lebensmittelausgabe geschickt. In einer der Baracken schöpft eine Ordensschwester nahrhaften Brei aus Sorghum, Soja, Mais und Zucker in den roten Plastikbecher. Nadia Niyongabo füttert ihre Tochter, nimmt selbst immer wieder einen Löffel. Die junge Frau ist nie zur Schule gegangen. Sie kümmert sich um Kinder und Haushalt und arbeitet auf dem Feld. Doch die Anbaufläche ist winzig und der Boden ausgelaugt, die Ernte reicht nicht aus. „Meist essen wir nur eine Mahlzeit am Tag – Reis, Bohnen oder Bananen. In der Trockenzeit fällt auch diese oft aus.” Die junge Frau ist abgemagert und kann ihre Kleine nicht stillen. Die Mehrheit der Burundier ernährt sich wie Nadia Niyongabo vor allem von Reis, Mais oder Maniok. Es fehlt an Obst, Gemüse und an Fleisch und Fisch, die reich an Proteinen und lebenswichtigen Spurenelementen sind. Die Folge: Mangelernährung mit dramatischen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder.

Schicksal in Frauenhand

Wenige Kilometer entfernt blickt die 51-jährige Stephanie Ndekatubane* wie eine Feldherrin über ihre Plantage. „Mein Obst und Gemüse wächst sehr gut!“, sagt sie stolz. Frau Ndekatubane ging nicht zur Schule, auch sie hatte nur ein kleines Stück Land. Vor zwei Jahren hat sie an der Schulung einer Hilfsorganisation teilgenommen und gelernt, wie sie ihren Ernteertrag steigern kann. Sie wurde Mitglied in einem Sparverein und konnte Tiere kaufen. “Weitere Kurse habe ich dann selbst bezahlt. Heute habe ich 20 Schweine, mache eigenen Dünger und kann durch den Verkauf der Produkte meine neun Kinder zur Schule und auf die Universität schicken”, erzählt die Kleinbäuerin. “Für mich war es immer am wichtigsten, dass meine Kinder zur Schule gehen. Und dass ich weiß, wie ich mit den vorhandenen Mitteln meine Familie ernähren kann.” Seit einigen Monaten gibt Stephanie Ndekatubane deshalb ihr Wissen an andere Kleinbäuerinnen weiter. Und damit sie in der Trockenzeit Wasser aus dem Fluss auf die Felder pumpen kann, will sie jetzt einen Kredit für eine Motorpumpe aufnehmen. “Wir Frauen müssen uns zusammentun und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.”

Wenn Nadia Niyongabo von der bevorstehenden Trockenzeit spricht, wird ihre Stimme leiser. Sie hofft, dass sie bis dahin wenigstens ein paar Maniokwurzeln beiseitelegen kann. Sie wird alles tun, damit ihre Tochter wieder zu Kräften kommt. „Das Band soll nur bald wieder grün zeigen“, sagt die junge Mutter. Sie wird dann noch weniger essen und den Brei für ihre Tochter noch weiter verdünnen. Auch sie wünscht sich eine Ausbildung und eine gute Zukunft für ihre Tochter. Doch wer Tag für Tag darum kämpft, die Familie satt zu machen, kann nicht weit planen. Nachdem der Becher ausgelöffelt ist, packt sie Milchpulver in ihren Beutel und verabschiedet sich. In wenigen Tagen wird sie sich wieder auf den langen Weg machen.

Klimawandel, Bevölkerungswachstum und politische Unruhen drohen, die Lebensumstände der Menschen in Burundi weiter zu erschweren. Es sind Frauen wie Schwester Beatrice, Nadia Niyongabo und Stephanie Ndekatubane die Tag für Tag darum kämpfen, ihren Kindern, Familien und Nachbarn eine bessere Zukunft zu bieten. “Wir werden da sein”, sagt Schwester Beatrice während sie die letzten Mütter mit einem Päckchen Milchpulver in die drückende Nachmittagshitze verabschiedet. “Egal wie lange die Trockenperiode dauert, wir werden euch nicht im Stich lassen.”

 

* Name geändert

Mehr Infos unter caritas.at/hunger

Wirklich etwas sagen [Blog]

Ich war vorbereitet. Ich hatte mir Gedanken gemacht. Geistreiche Anspielungen, humorvolle Anekdoten, eine Prise Sarkasmus, feine Dramaturgie und elegante Überleitungen. Ich hatte mir Zeit genommen. Ja, letztendlich war ich zufrieden, mit meiner Rede als Trauzeuge. Und dann, unter der stechenden Nachmittagssonne, vor dem händchenhaltenden Brautpaar, in 70 schwitzende und fächerschwingende Gesichter blickend, habe ich das Manuskript, ohne es eines Blickes zu würdigen, einfach wieder zurück in die Brusttasche meines Sakkos gesteckt und gesagt, was wirklich zu sagen war.

Rückblick: Ein paar Monate zuvor hatte mich C., einer meiner besten Freunde, gefragt, ob ich denn sein Trauzeuge sein will. Ich war überrascht, fühlte mich geehrt und freute mich sehr. Ich sagte zu. Selbstverständlich. Meine überschaubaren Aufgaben als Trauzeuge: Polterabend organisieren, bei der Hochzeit anwesend und für den Bräutigam da sein.

Aus dem Polterabend wurde schließlich ein Polterwochende, aus Monaten bis zum Hochzeitstag Wochen. Zwei, drei Wochen vor der Bezeugung des Eheversprechens bekam ich einen Anruf von Cs Mutter. Sie wollte den Ablauf mit mir besprechen. Im Rahmen der Zeremonie sollten Wünsche an das Brautpaar (Warum heißt es eigentlich Brautpaar?) formuliert werden. Die Eltern, die Geschwister und eben die Trauzeugen sollten ihre Wünsche an die Frischvermählten vor der Festgemeinde kundtun. Bräutigammutter und -vater würden aus ihrer langjährigen Ehe berichten und aus schönen Erfahrungen Wünsche ableiten. Die Trauzeugin der Braut, gleichzeitig deren Schwester, würde mit den Worten “Du hast recht” enden. Dann wäre ich an der Reihe. So weit die telefonische Auskunft vor der Hochzeit.

Kein Problem, mache ich gerne. Da wird mir schon etwas einfallen. Ich vermittelte Zuversicht. Und schob die Vorbereitung auf diese Ansprache auf. Bis ich schließlich ein paar Tage vor dem Hochzeitstag ein Dokument mit dem Arbeitstitel “Wünsche an das Brautpaar” erstellte und erste Ideen in die Tastatur klopfte. Und die Ideen, sie kamen spärlich.

Was macht man, wenn man nicht weiß, was man schreiben soll? Richtig: Man schreibt darüber, dass man nicht weiß, was man schreiben soll. Jedenfalls war das mein Ansatz und Ausgangspunkt für die Rede. Der Inhalt der Ansprache ist nebensächlich, nur so viel: Ich hätte Großmüttern, Nichten und Freundesfreunden von Oscar Wildes Auffassung von der Institution Ehe, von Ozzy Osbournes Geheimrezept für eine erfüllte Partnerschaft und vom Zusammenhang zwischen der beachtlichen Ausprägung der primären Geschlechtsmerkmale der Erpel und der Treue in Entenbeziehungen berichtet. (Tatsächlich, ich hätte von Entenpenissen gesprochen.) So oder so, die Hochzeitsgesellschaft sollte sehen, wie schlau ich bin, wie wortgewandt und witzig und trotzdem emotional. Die beste Rede aller Zeiten. Ein schlauer Fuchs, der Schauhuber. So hatte ich mir das ausgemalt.

Am Tag der Hochzeit hatte ich die Rede ausgedruckt und nochmals in Unterhose auf der Wohnzimmerbühne unter skeptischen Hundeblicken den Ernstfall geprobt. Dann habe ich den Zettel eingepackt und bin losgefahren zum Bräutigam. Und dann vor Ort, in einem weitläufigen Garten mit weißem Pavillon, Minuten vor Beginn der Zeremonie, sagt mir Cs Mutter, dass die Ansprachen kurz sein müssen. Also richtig kurz, eher Sekunden, als Minuten, kurz. Gleich war mir klar, der Zettel in meiner Brusttasche ist deutlich zu dicht bedruckt, die Rede viel zu lange. Fidelcastrolänge, im Vergleich zum Geforderten. Doch für Änderungen war es zu spät, denn schon ging es los.

Mit zittrigen Stimmen beginnen also die Mütter und Väter mit den besten Wünschen für ihre erwachsenen Kinder. Gerührte Stille, Applaus. Ich selbst kann kaum folgen, mein Hirn versucht die Rede einzudampfen. Was soll ich weglassen? Welchen Teil kann ich auslassen, damit die Anspielung später noch funktioniert? Dann sind die Geschwister an der Reihe. Links von mir der ältere Bruder des Bräutigams mit einer lustigen Anekdote. Glaube ich, denn ich bekomme kaum mit, was er sagt. Mein Hirn verarbeitet keine Sinneseindrücke mehr, alle Rechenleistung wird für den Redenumbau verwendet. Gelächter, Schluchzen, Applaus. Dann der andere Bruder zu meiner Linken. Aus dem Augenwinkel erkenne ich zwei drei längere Sätze auf dem kleinen Stück Papier in seinen Händen. Es ist ein Gedicht. Mittendrin bricht die Stimme und er in Tränen aus. Alle weinen mit, großer Applaus. Es folgt die Trauzeugin der Braut. Und ich stoppe das Unterfangen Rede-Neu. Endgültig. Ich bin an der Reihe.

Ich blicke zu Braut und Bräutigam, Hand in Hand und feuchtäugig, schaue nach hinten zu meiner Liebsten, lachend und meinen Blick erwidernd, und weiß plötzlich, was ich zu sagen habe, was die Essenz der vorbereiteten Rede ist.

Eigentlich wusste ich das bereits, als ich begann, die Ansprache zu schreiben. Unter der stechenden Sonne, vor Brautpaar und Festgemeinde, den Zettel mit schwitzigen Fingern wieder weggepackt, sage ich, dass ich C. schon seit Jahrzehnten kenne. Dass ich ihn nie glücklicher erlebt hätte, als mit A. Dass wenn er mir erzählt, wie es A. geht, was sie macht, dass wenn er darüber spricht, wie sie gemeinsam Haus planen und bauen oder wie sie zusammen über den Namen ihres Kindes nachdenken, ich weiß, dass es passt. (Gerne hätte ich erzählt, dass wenn ich sehe, wie er sich über die Nachricht von A. freut, die sie ihm heimlich in den Koffer für das Polterwochenende gesteckt hat, ich weiß, dass es einfach passt zwischen den beiden. Ich war aber selbst zu ergriffen, als das mir dieser Satz eingefallen wäre.) Also, sage ich schließlich vor den mehr als 70 Fächerschwingern, was soll schon schief gehen. Ich hole tief Luft und sage, dass mir nichts anderes bleibe, als A. und C. von ganzem Herzen alles, alles Gute zu wünschen. 

Geistreich, eloquent, witzig – manchmal ist das alles nur Makulatur. Denn manchmal geht es nicht ums Wirken nach Außen, sondern bloß um die Wirkung nach innen. Manchmal geht es nicht um mich oder darum, wie ich glaube auf Andere zu wirken, sondern schlicht darum zu sagen, was ich spüre. Manchmal ist das der einzige Weg, wirklich etwas zu sagen.

Was für Hochzeitsansprachen gilt, gilt auch im richtigen Leben und mitunter für meine Schreibe. Manchmal braucht es mehr schlichte Offenheit statt vorgeschobene Souveränität. Herzwerk statt Hirnprodukt. Es gilt zu sagen und zu schreiben, was wirklich zu sagen und zu schreiben ist. Ich bin vorbereitet.

Drei Doppelgänger um fünf Uhr morgens [Blog]

Wenn ich beim Aufwachen Vögel vor dem gekippten Schlafzimmerfenster zwitschern, weiß ich, es ist nicht mehr mitten in der Nacht. Dann weiß ich, der Morgen naht. Wenn ich um fünf Uhr morgens aufwache und nicht mehr einschlafen kann, weiß ich, sie müssen endlich raus aus meinem Kopf.

Ein paar von ihnen sind bereits vor dem Einschlafen da. Die meisten aber scheinen erst im vogelbezwitscherten Halbdunkel aufzutauchen. Und dann, dann lassen sie mich einfach nicht mehr schlafen. Sie geben keine Ruhe. Bis ich sie rauslassen, all die Geschichten. Dann ziehe ich mein Notizbuch aus dem Bücherhaufen neben dem Bett und schreibe sie raus aus dem Kopf, rein in die leeren Seiten.

Gestern waren es Geschichten, die mir frühmorgens von drei Doppelgänger-Gedanken serviert wurden. Und weil ich sie rausschreiben musste, darfst du liebe Leserin, lieber Leser, jetzt hier teilhaben:

Nr. 1: die Doppelgänger unter den Flaggen

Ja, richtig gelesen, unter den Nationalflaggen der Welt gibt es Doppelgänger. Tatsächlich: Es gibt Flaggen, die sich bis auf kleinste Nuancen zum Verwechseln ähnlich sehen. Am Vortag der morgendlichen Doppelgänger-Gedanken-Parade lehrte mich dies die wunderbare Infografik in der jüngsten Ausgabe der Zeit, der Wochenzeitschrift. Als alter Hobby-Vexillologe (ja, den Begriff habe ich auch auf dieser Doppelseite gelernt) war ich begeistert von dieser neuen Erkenntnis und musste dieses Wissen gleich mit meinem Lieblingsbruder teilen. Weil ich weiß, dass er Rätsel liebt, und ich selbst Rätsel liebe, habe ich ihn natürlich raten lassen. Eine Freude, offenbar so eine große, dass ich im Bett und bei Vogelgesang nochmals darüber nachdenken musste. (Damit die Rätselfreunde ohne Zeit-Abo hier weiterlesen: Welche drei Landesflaggen einen Doppelgänger haben, erfahrt ihr am Ende dieses Textes. Also nicht gleich flaggengoogelnd davonsurfen.)

Nr. 2: der Doppelgänger von Charly Chaplin

Charlie Chaplin hat weltweit wahrscheinlich tausende Doppelgänger. Einer davon arbeitet in Wien vor einem Fastfoodlokal. Ich spreche von StraßenkünstlerInnen und von einem besonderen Straßenkünstler in Chaplin-Montur, den ich kürzlich kennenlernen durfte.

Charlie alias Jozef hat mir seine Geschichte erzählt. Und nun überlege ich hin und her, wie ich seine Geschichte erzählen soll. Und was ich noch von Jozef wissen will. Jozefs “kleine” Geschichte soll die “große” Geschichte vom Lebensalltag von StraßenkünstlerInnen (in Wien) erzählen. Die Geschichte, wie man als StraßenkünstlerIn seine Familie ernähren und die Ausbildung der Kinder finanzieren kann. Die Geschichte, wie man in den schönsten Städten der Welt PassantInnen zum Lachen bringt und abends auf harten Parkbänken schläft, um den Tagesverdienst zu sparen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass dieser spezielle Doppelgänger seine Geschichte mit mir teilt und freue mich diese weitergeben zu können – mehr dazu hoffentlich in Kürze.

Nr. 3: der Doppelgänger als Lehnwort

Wir wissen: Auch unter den Wörtern gibt es Doppelgänger, also dieselben Buchstaben aneinandergereiht, dieselbe Bedeutung, aber einfach in einer anderen Sprache zuhause. Die Rede ist von den sogenannten Lehnwörtern. Da leiht etwa das Englische vom Deutschen und vice versa. Die schlaue LeserInnenschaft ahnt es bereits: “doppelganger” ist ein ebensolcher Doppelgänger. Grandios.

In meinen Kopf gepflanzt hat diesen Doppelgänger-Gedanken jedenfalls die Autorin Lauren Kessler, bei der ich kürzlich zwei spannende Seminare zum Thema Storytelling besuchen durfte – in english of course. Im Vorfeld hatte ich “angst” wie vor dem “poltergeist”, dass mein Englisch nicht gut genug sein würde, um hier passable Texte schreiben zu können. Dass ich also wie jemand aus dem “kindergarten” daherschreiben würde. Als hätte ich nur “sauerkraut” im Kopf. Doch die Tage mit Lauren und den Journi-KollegInnen waren eine große Freude. Ich liebe es einfach mich den ganzen Tag mit dem Schreiben und mit Geschichten auseinanderzusetzen. Diese Tage haben mir endgültig gezeigt, dass ich beim Schreiben zuhause bin. “Urheimat”, quasi. Von der „uber“-Schreiberin Lauren zu lernen war schlicht ein Geschenk. Voll der Begeisterung habe ich mich sogleich für die von ihr veranstaltete Transatlantic Storytelling Sommer School in Seattle beworben und hoffe hierfür ein Stipendium von der Amerikanischen Botschaft in Österreich zu bekommen. Fingers crossed! (Update 29.5.: Ich habe das Stipendium bekommen und werde Anfang August knapp zwei Wochen in Seattle schreiben, Geschichten sammeln und von Lauren lernen.)

Lauren war es auch, die mir den Impuls gegeben hat, regelmäßig Blogbeiträge zu schreiben, um das Schreib-Handwerk zu praktizieren, um zu üben. Deswegen wird es an dieser Stelle künftig regelmäßig – einmal wöchentlich? – etwas über den “blitzkrieg” in meinem Kopf zu lesen geben. Zu hoffen nur, dass dieser nicht des Öfteren um fünf Uhr morgens ausbricht.

(Ach ja, die Flaggen-Doppelgänger: Indonesien & Monaco, Tschad & Rumänien, Liechtenstein & Haiti.)

Erst die Bombe, dann Albanien

Eine fehlgeleitete NATO-Bombe nimmt einem alten Ehepaar die Existenz, die albanische Korruption kostet ihnen die Chance auf einen Wiederaufbau. Eine Reportage aus Fushë-Arrëz, Nordalbanien.

“Die Hälfte unseres Hauses war nur mehr ein Trümmerhaufen.” Ndue holt tief Luft, er streicht sich über die Stirn. Die linke Hand zittert von Falte zu Falte. “Die Erde vor dem Haus war meterweit aufgerissen”, deutet der alte Mann mit weit geöffneten Armen. “In den Nachbarhäusern waren die Fenster zersprungen, die Wohnräume waren voller Scherben”, sagt Ndues Ehefrau Dila. Und das Schlimmste: “Wir wussten nicht, wo unsere jüngste Tochter war.”

Fushë-Arrëz? Was sucht man dort oben, tief im albanischen Hinterland? Da gibt es nichts. Die Straßen dorthin sind schlecht, Berge und Flüsse andernorts viel schöner, erzählt man in der fernen Hauptstadt Tirana. Wer das Bergdorf im Norden Albaniens besuchen will, erntet Kopfschütteln. Ein Sprichwort besagt, Albanien sei ein kleines Land – würde man es aber flachbügeln, wäre es zehn Mal größer. Vom Meer nach Fushë-Arrëz: Alleine für 50 Kilometer Luftlinie braucht man hier knapp drei Stunden. Kurve um Kurve die Hänge entlang, rauf, runter, rauf, weiter rauf, runter ins nächste Tal, wieder rauf. Eine ermüdende Reise. Brücken, um Zeit zu sparen? Fehlanzeige. Wofür auch, hier fahren kaum Autos. Die wenigen Durchreisenden erleben Kargheit, hie und da eine Siedlung, ein Minarett, einen Kirchturm. Ein solcher markiert Fushë-Arrëz. Dort sitzen der 80-jährige Ndue und die 76-jährige Dila Paluca in wackeligen Plastikstühlen vor ihrer bröckelnden Betonhütte und erzählen ihre Geschichte.

Die Alten

“Gott sei Dank war unsere Tochter mit Freunden unterwegs und nicht im Haus, als es passierte”, erinnert sich Dila. Auch sie und Ndue waren unterwegs, als die Bombe einschlug. Es war Mai 1999, die letzten Tage des Kosovo-Krieges. Das Erzählen bringt die Bilder zurück, die Sätze werden kürzer, die Stimmen lauter. “Ein italienischer NATO-Bomber hat eine Bombe genau über unserem Dorf abgeworfen. Sie ist direkt in unserem Vorgarten explodiert”, sagt Ndue. Dila ergänzt: “Aus dem Nachbarort kamen Männer nach Quafe Malit, um den Schaden zu begutachten. Sogar das Fernsehen war da.” Wieder Ndue, er deutet in den Himmel: “Die NATO hat unser Haus zerstört, das ist jetzt 18 Jahre her. “ Es ist das Klagen eines Mannes, der nach Jahrzehnten noch immer um seine Existenz trauert.

Ob der Bomber wirklich italienisch war – wer weiß. Der NATO ist der Vorfall auf Nachfrage nicht bekannt, die Bomben der Allianz fielen aber nachweislich auch auf Albanien, der Zeitpunkt – die Endphase des Kosovo-Krieges – lässt kaum andere Schlüsse zu.

Nach dem Unglück zog das Ehepaar erst in eine Mietwohnung, dann zum Sohn in die Hafenstadt Durres. Wie die meisten jungen Leute aus Fushë-Arrëz waren auch Ndues und Dilas Kinder in die Stadt gegangen, um Arbeit zu finden. Nach drei Jahren beim Sohn und den sechs Enkeln konnten sie auch dort nicht mehr bleiben, wenig später verstarb der Sohn. Ndue und Dila standen auf der Straße.

Warum sie das Haus nicht repariert haben? “Die Entschädigung hat nicht gereicht. Um 240.000 Lekë kann man selbst hier kein Haus wiederaufbauen”, sagt Ndue, die Falten in seinem Gesicht werden noch tiefer. Dila fällt ihm zornig ins Wort, ihre knochige Hand krallt sich in die Armlehne: “Die Abfindung war viel höher! Wir hätten viel mehr Geld bekommen müssen!” 240.000 Lekë waren damals etwa 1.660 US-Dollar. Die Entschädigungszahlung – laut NATO Sache des Staates Albanien – wurde über die hiesigen Kommunalpolitiker abgewickelt. Dabei sei einiges abgezweigt worden, sagt Dila: “Das war allen klar. Als wir bei den Zuständigen nachgefragt haben, warum wir so wenig Geld bekommen, hat uns der Ortsvorsteher einfach weggeschickt.” Die Palucas konnten ihr Haus nicht reparieren, die Ruine liegt bis heute brach.

Der Pater

„Die Politik macht nichts für die Menschen hier, gar nichts“, sagt Bruder Andreas. Mit kräftigen Händen kurbelt er routiniert am Lenkrad. Mit seinem Geländewagen den Schlaglöchern auszuweichen, das ist sein Alltagsgeschäft. Um den Innenspiegel ist ein Rosenkranz gewickelt, das Kreuz schlägt unrhythmisch gegen die Windschutzscheibe. Mit seinem weißen Bart und auffällig wachen Augen sieht Bruder Andreas aus wie ein entfernter Onkel aus dem Münsterland. Bruder Andreas heißt eigentlich Andreas Waltermann, seit neun Jahren lebt und arbeitet der Kapuzinerpater bereits in Fushë-Arrëz. Das Dorf ist ein Relikt des Kommunismus: verlassene Fabrikshallen, eine Handvoll Cafés, Bars und kleine Shops an der Hauptstraße, für diese Gegend viel zu groß geratene, graubraune Plattenbauten. Wo einst tausende Minenarbeiter lebten, herrscht heute der Verfall. Auf die rund 3.800 Einwohner des Ortes kommen – für Albanien allzu typisch – fünf Tankstellen, ihr Zweck ist Geldwäsche. Fushë-Arrëz, das ist Armut und Isolation. Seit die letzte Kupfermine im Jahr 2015 geschlossen wurde, haben acht von zehn Einwohnern hier keine Arbeit, seit dem Bau der neuen Autobahn von Rrëshen nach Kukës im Jahr 2010 fährt kaum mehr ein Auto durch den Ort. Früher war Fushë-Arrëz ein Durchzugsposten auf dem Weg in den Kosovo. Ein sechsstöckiger Hotelturm zeugt von dieser Zeit, als Reisende lieber eine Nacht in Fushë-Arrëz blieben, als in der Dunkelheit weiterzufahren.

“Arbeit gibt es hier keine. Viele Familien leben von der Sozialhilfe. Ungefähr 25 Euro zahlt der Staat einer Familie pro Monat”, erzählt der großgewachsene Bruder Andreas. Ohne Job oder soziales Auffangnetz würden viele das Familieneinkommen mit dem Anbau von Cannabis aufbessern. Die Polizei steckt mit den Drogenschmugglern unter einer Decke, alle profitieren. Eine Krähe pickt der anderen kein Auge aus, heißt das dann.

Wer kann, geht weg aus Fushë-Arrëz. Nach Tirana, Shkoder oder gleich ins Ausland: Italien, Griechenland, Deutschland, Österreich. Aleine aus Fushë-Arrëz und den umliegenden Dörfern seien in den vergangenen Jahren hunderte Menschen nach Deutschland oder Österreich gegangen, erzählt der Priester. Zurück blieben die Ärmsten. Und die Alten.

Ndue und Dila werden die Berge nicht mehr verlassen. Sie fanden Unterschlupf bei Bruder Andreas und wohnen nun in einem kleinen Häuschen auf einem Grundstück der Pfarre. Der Pater ist froh, dass jemand die Unterkunft pflegt, die Senioren haben ein Dach über dem Kopf. Jüngst bekamen sie sechs Schafe, “Rasenmäher für den Garten”. Die Rente reicht gerade zum Überleben. “Vogel”, nennt Ndue sie immer wieder. “Vogel, vogel”. Vogel ist das albanische Wort für klein. Umgerechnet 3,50 Euro Miete zahlt das Paar monatlich – wenn es sich ausgeht. Wenn nicht, dann nicht, sagt Bruder Andreas. Einmal pro Woche gehen Ndue und Dila zum Einkaufen in den Ort, einmal pro Monat kommt eine Ärztin. Das nächste Krankenhaus ist zwei Autostunden entfernt.

“Wir versuchen einen Krankenwagen für Fushë-Arrëz zu bekommen – so etwas gibt es hier in der Gegend nämlich nicht”, erzählt Bruder Andreas. “Ein neuer Müllwagen kommt in Kürze.” Ein ausrangiertes Feuerwehrauto aus seiner Heimatstadt Münster ist bereits im Einsatz. “Wenn es bisher hier gebrannt hat, konnte man nur zusehen. Die Menschen, die hier leben, sind auf sich selbst angewiesen.” Die nötigste Infrastruktur kommt hier nicht vom Staat, sondern von privaten Spendern.

Oben am Hang, mit Blick auf die Plattenbauten, steht Waltermanns Wirkungsstätte: die Missionsstation, die er mit zwei Schwestern leitet. Wohntrakt, Wirtschaftsgebäude, Lagerhalle, Kapelle, am Eingang ein hohes Gittertor. In dem großen Hof parken zwei verbeulte, weiße Land Rover, daneben dösen die altersmüden Wachhunde der Station in der Sonne. Monatlich treffen hier Hilfstransporte aus Deutschland und Österreich mit Paletten voller Lebensmittel, Kleidung und Medikamenten ein, manchmal ist auch ein Fahrrad oder ein Lampenschirm darunter. Von Geldspenden kaufen die Schwestern monatlich 14 Tonnen Mehl und verteilen es an 350 bedürftige Familien. Es gibt eine Kindertagesstätte, eine Ambulanz mitsamt Apotheke und eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Es werden Arbeiter für Straßenbau und Reparaturarbeiten bezahlt, mit 29 Beschäftigten war die Station laut Waltermann zuletzt der größte Arbeitgeber in der Umgebung. Regelmäßig tauscht der Priester die robuste Arbeitskleidung für den morgendlichen Gottesdienst gegen das Messgewand. Denn alle Wohlfahrt geht Hand in Hand mit dem anderen Unternehmungszweck, dem Missionsauftrag. Messen, Bibelstunden, Gebete.

“Eigentlich stimmt es ja nicht, dass die Politiker nichts für die Menschen hier tun. Kurz vor jeder Wahl werden Unternehmungen gefördert und Straßen neu asphaltiert. Auch unsere Zufahrtsstraße ist ganz neu”, erzählt der Pater auf der Fahrt zu Familie Gjoni, die einen neuen Stall für ihre Ziegen und Kühe bekommt. Es könne vorkommen, dass ein Betrieb zwei Wochen vor der Wahl auf- und zwei Wochen nach der Wahl wieder zusperrt. Der Vorgänger des aktuellen Bürgermeisters hätte nichts für die Gemeinde bewirkt, fahre aber den dicksten Mercedes und wohne im schönsten Haus.

Wie erhält sich dieses System? Stimmenkauf. “Im Norden wurden die Schulden von Wählern beim Lebensmittelhändler abbezahlt, manche bekamen für ihre Stimme einen großen Sack Weizenmehl”, sagt die albanische Korruptionsexpertin und Bürgerrechtsaktivistin Alida Karakushi. Einen Fixpreis gibt es nicht. Der Gegenwert der Stimme kann je nach Region bis zu 200 Euro ausmachen, berichtet Karakushi. In Fushë-Arrëz sind umgerechnet 38 Euro üblich. Auch Beamtenposten sind beliebte Lockmittel. Vielleicht hat diese Praxis nun ein Ende, auf Druck der OSZE stellte die Regierung Stimmenkauf vergangenen Mai unter Strafe. Vier Jahre Gefängnis drohen Übeltätern. Ob das Wirkung zeigt, steht freilich auf einem anderen Blatt – nicht ohne Grund vertrauen nur weniger als 25 Prozent der Albaner dem Justizsystem.

Nach gewonnener Wahl wurde das entstandene Loch im Budget bisher mit neuen Abgaben oder durch die Einbehaltung und Kürzung von Sozialleistungen gestopft. Die alten Palucas bekamen dann noch weniger Geld vom Staat. „Manchmal verstehe ich nicht, warum sich die Menschen das bieten lassen“, sagt Bruder Andreas.

Von der knappen Sozialhilfe muss auch Familie Gjoni mit den Kindern Esta und Gjon über die Runden kommen. Je nach Anzahl der Kinder bekommt ein Haushalt zwischen 22 und 48 Euro im Monat, die Gjonis erhalten also etwa 32 Euro. Zu ihrem Haus führt nur ein ausgewaschener Weg, die letzten Meter müssen auch die am Stall werkenden Bauarbeiter zu Fuß gehen. Die Familie hat kein regelmäßiges Arbeitseinkommen. Auf kleinen Feldern vor dem Haus bauen sie Gemüse an. Kühe und Ziegen geben Milch, das Fleisch verkauft die Familie, wenn nötig. Armut ist für viele Mitteleuropäer abstrakt: Sieht man Esta und Gjon Gjoni in ihren abgetragenen T-Shirts, lernt man sie kennen.

Die Geschwister gehen in die winzige Schule im Ort. Die Lehrer kommen abwechselnd zu Fuß, um eine Handvoll Kinder zu unterrichten. Es gibt neun Jahre Schulpflicht in Albanien, 90 Prozent der Kinder werden eingeschult – kostenlos. Die Schulbücher kaufen zu müssen sei aber eine Belastung, erzählt Albana Gjoni. Zuschüsse gibt es von der Missionsstation. Unterstützung vom Staat? Keine. “Wer nach neun Jahren weiter ins Gymnasium gehen will, muss auch noch den Schulbus bezahlen. Für viele ist das ein zusätzliches Hindernis auf dem Weg zu guter Ausbildung und besseren Zukunftsperspektiven”, erklärt Waltermann.

Die Pfarre hilft auch hier aus, übernimmt Aufgaben des Staates – und sucht gleichzeitig Distanz zu dessen Vertretern. Die vom neuen Bürgermeister angebotenen Dieselgutscheine lehnt Bruder Andreas ab. Er will nicht in der Schuld des Dorfchefs stehen, bloß ungestört seine Arbeit verrichten können. Eine der Schwestern nimmt das Geschenk dennoch an, fährt ihr Liefer-LKW doch jährlich tausende Kilometer. Prinzip gegen Pragmatik. Bruder Andreas relativiert: Sicherlich gäbe es auch hier Politiker, die wirklich etwas bewegen wollen.

Der Wassermann

Gjon Nikoli ist kein Politiker, aber er bewegt etwas. “Mein Restaurant hat schließlich nicht mehr funktioniert. Es kamen einfach zu wenig Autos hier vorbei, nachdem es die neue Autobahn gab”, schildert der Mittvierziger in kariertem Hemd und braunem Pullover und dreht eine kleine, blaue Plastikphiole zwischen den Fingern: “Jetzt füllen wir hier Quellwasser ab.” Stolz präsentiert er die Maschine, die rhythmisch zischend aus den kleinen Hülsen große Sieben-Liter-Flaschen formt.

Anstatt die Berge hinter sich zu lassen, verwandelte der Geschäftsmann sein Lokal kurzerhand in eine Mineralwasserproduktion. Mitten im jetzigen Lager- und Büroraum steht die alte Bar. Statt Bier- und Schnapsgläsern stapeln sich hier nun Wasserflaschen. Der Chef sitzt an einem Esstisch, darauf Listen, Ordner und ein Taschenrechner. Bestes Qafe-Mali-Wasser, deutet er auf eine Rolle mit Flaschenetiketten. Das Wasser kommt per Rohrsystem von einer Quelle weiter oben in den Bergen, es läuft nah an einem verlassenen Grundstück vorbei. Dort wohnten einst Ndue und Dila Paluca.

“25.000 Liter füllen wir hier täglich ab. Mit unserem Kleinlaster bringen wir das Wasser zu Supermärkten und Lokalen – hauptsächlich in Tirana.” Der Standort Fushë-Arrëz bringt lange Transportwege und damit höhere Kosten. Die Entfernung zur Hauptstadt sei das größte Problem, sagt Nikoli und zuckt mit den Schultern. Dennoch: Es reiche zum Leben, er schaffe wenigstens ein paar Arbeitsplätze. “Wir sind ein Familienbetrieb. Zusätzlich zu meinen Töchtern und Söhnen beschäftige ich noch vier weitere Angestellte”.

Es gibt zu wenige Unternehmen wie jenes von Gjon Nikoli. Es fehlt an Kapital, dazu kommt die Korruption. Sie ist der lästige Fettfleck, den unzählige Waschgänge nicht wegbekommen. “Das Hauptproblem ist Straffreiheit und fehlende Institutionen, die Korruption ist die Konsequenz”, sagt Korruptionsexpertin Karakushi. Sinnbildlich: Unter anderem ist eine schleppende Justizreform der Hauptgrund, warum Albanien noch keine EU-Beitrittsverhandlungen führen darf. Vor der Parlamentswahl Ende Juni drohte die oppositionelle Demokratische Partei monatelang mit einem Boykott, weil sie Wahlmanipulation befürchtete, ehe EU und USA einen Kompromiss mit Zugeständnissen für die Demokraten durchsetzten. Diese kreiden der regierenden Sozialistischen Partei Kontakte zur organisierten Kriminalität an – wohl wissend, dass es diese nachweislich auf beiden Seiten des politischen Spektrums gab.

Für Ndue, Dila und die Menschen in Fushë-Arrëz macht es keinen Unterschied, wer im kleinen Rathaus an der Hauptstraße vis-à-vis der kleinen Läden und Cafés sitzt. Weder seien die lokalen Vertreter der Sozialisten sehr sozial, noch seien jene der Demokraten sehr demokratisch, sagt Waltermann.

“Wir sind längst reif für den Friedhof”, sagt Ndue Paluca auf die Frage, was er und seine Frau sich von der Zukunft erhoffen und lacht. Von Staat und Politik erwarten sich die beiden längst nichts mehr. So geht es den meisten hier. Wer ein bescheidenes Auskommen findet, seinen Kindern die Aussicht auf besseres Leben bieten kann, schafft dies trotz staatlicher Strukturen, nicht dank derer Unterstützung.

In der Abgeschiedenheit der Berge kondensiert die Hoffnungslosigkeit des ganzen Landes zu Resignation und Apathie. Kennt man die Geschichte von Dila und Ndue, versteht man den Norden Albaniens. Erst nahm dem alten Ehepaar eine fehlgeleitete Bombe ihren Besitz – Schicksal, könnte man sagen. Dann nahmen ihnen korrupte Politiker die Möglichkeiten auf einen Neustart, auf eine Zukunft. Albanien, könnte man sagen.