In der Rolle seines Lebens

Er steht stundenlang auf der Bühne, isst in Armenküchen und schläft im Park. Um für seine Kinder zu sorgen, schlüpft Jozeph P. Tag für Tag in die Haut eines anderen.

Zuletzt pinselt sich Jozeph P. schwarze Farbe über die Oberlippe. Behutsam malt er den Bart zweifingerbreit auf die bleich geschminkte Haut. Jeder Pinselstrich sitzt, Jozeph hat Routine. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht von den Fremden, die in seine Umkleide stürzen, stirnrunzelnd in die Toilette huschen, um dann wieder wortlos zu verschwinden. 20 Minuten steht Jozeph vor dem Spiegel, um sich für seinen Auftritt fertig zu machen. Tag für Tag spielt er vor hunderten Zuschauern. Auch heute wartet das Publikum bereits. Ein letzter Blick in den Spiegel: das Kostüm sitzt, das Make-up passt. Also raus aus der Umkleide. Auf dem Weg zur Bühne, geht er vorbei an kauenden Teenagern und brüllenden Kindergruppen. Anders als im Burgtheater gibt es auf Jozephs Bühnen keine Platzkarten für das Publikum, sondern für die Künstler selbst. Die Zuschauer sitzen auf Plastiksesseln statt in gepolsterten Stühlen und genießen Burger und Pommes statt Sekt und Lachsbrötchen. Das Theater zwischen Schnellimbiss und Wettcafé zeigt Charlie Chaplin. Das Bühnenbild: Gehsteig. In der Hauptrolle: Jozeph P.

Sie zeichnen, musizieren, tanzen auf berühmten Plätzen und viel besuchten Einkaufsstraßen. Straßenkünstler unterhalten Passanten in allen großen Städten – auch in Wien. Viele jener Musiker, Akrobaten oder Pantomime, die hier auf die Großzügigkeit der Wienerinnen und Wiener hoffen, kommen aus Osteuropa. Sie ringen mit bürokratischen Auflagen und nehmen Vieles in Kauf, um mit dem erspielten Geld ein Auskommen zu finden. Jozeph P. ist einer von ihnen. Um seine Kinder zuhause in der Slowakei versorgen zu können,  schläft er zwischen den Auftritten auf Parkbänken und isst in Armenküchen. 

Die erste Verwandlung

Ebenfalls vor einem Spiegel, diesmal nicht in einem McDonalds-WC, sondern in einem Zimmer in Paris, beginnt Jozephs Karriere als Pantomime. An diesem Tag vor zwei Jahren schlüpft Jozeph zum ersten Mal in den schwarzen Anzug. “Lange hatte ich Angst vor dem Frack. Ich wollte ihn nicht einmal berühren. Aber es blieb mir keine andere Wahl, als ihn anzuziehen und diese Rolle zu spielen”, erinnert sich Jozeph an die erste Verwandlung in Charlie Chaplin.
Bei zahllosen Auftritte auf den Straßen von Nizza und Monaco verinnerlichte der großgewachsenen 51-Jährige mit den dunklen Augen und der tiefen Stimme Charlies Mimik und dessen typische Bewegungen. Dann wurde er Vater und Frankreich kam nicht mehr in Frage. “Die Kinder in der Heimat brauchen mich. Meine Tochter will nicht, dass ich lange weg bin”, sagt Jozeph, der deshalb jetzt in Wien spielt.

Bei jedem Wetter auf der Bühne

Jozeph tritt aus dem Lokal und auf seine Bühne. Während die Straßenbahn vorbei quietscht, platziert er seine Box  für die Geldspenden. Mit seinen großen Händen packt er den Spazierstock und zupft den Hut zurecht. Die Vorstellung beginnt. Jeden Tag und bei jedem Wetter steht Jozeph als Charlie auf der Gehsteigbühne. Wenn das Wetter schlecht ist, am Hauptbahnhof, wo er vor Wind und Regen geschützt ist. Wenn es schön ist, wie an diesem Nachmittag, arbeitet er in Floridsdorf vor einem Fastfood-Restaurant. “Hier ist immer etwas los. Und hier lassen mich die Polizisten in Ruhe”, sagt Jozeph. Gerne würde er auch an noch belebteren Orten wie auf der Mariahilferstraße oder dem Stephansplatz spielen, doch dafür fehlt ihm die Genehmigung.

Offizielle Erhebungen darüber, wie viele Künstlerinnen und Künstler wie Jozeph auf Wiens Straßen auftreten, gibt es nicht. Grundsätzlich darf überall musiziert, getanzt, jongliert oder etwa gezeichnet werden. Doch für die meisten öffentliche Orte in den Bezirken eins bis sechs – also für die guten, weil passantenreichen Straßen und Plätze – müssen Straßenkünstler eine Platzkarte lösen. Das Interesse an diesen Genehmigungen ist groß. Platzkarten, so die Auskunft des zuständigen Magistrats 36, würden stets allesamt vergeben. Rund 140 Künstlerinnen und Künstler holen sich regelmäßig eine Berechtigung.

Charlie Chaplin sorgt für die Familie

Das Publikum ist großzügig an diesem Nachmittag. Eine junge Mutter, zwei alte Frauen und ein junger Rucksackträger werfen bald Münzen in die Box. Dann zieht Charlie seinen Hut, um sich zu bedanken.
Wie viel er mit seiner Straßenkunst verdient, erklärt Jozeph, hänge von der Laune der Menschen ab – und vom Wetter. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger. Wie viel genau, darüber will er nicht reden.
Jozephs Familie lebt von den Münzen, die klimpernd im Hut landen. Die Münzen bezahlen die Miete für die kleine Wohnung in einem Dorf im Süden der Slowakei und die Schule für seine zwei Kinder. Die 12-jährige Tochter bekommt eine musikalische Ausbildung, der 15-jährige Sohn lernt im Gymnasium. “Würde ich nicht im Ausland auf der Straße arbeiten, könnte ich meine Familie nicht erhalten, mir die Schule für meine Kinder nicht leisten”, sagt Jozeph, der alle zwei Wochen für ein paar Tage nach hause fährt, um seine Kinder zu sehen. Rund 240 Euro im Monat bekommt die Familie vom Staat. Allein die Musikschule für die Tochter koste rund 70 Euro im Monat. “Heute hätte ich wieder überweisen müssen, aber ich habe das Geld einfach noch nicht”, sagt Jozeph.

Als Straßenkünstler darf Jozeph P. in Wien nichts für seine Darbietung verlangen. Gemäß Verordnung darf er nur auf Spenden hoffen, sonst würde er unter die Gewerbeordnung fallen. Doch auch von Spenden lebt es sich besser, als zuhause in der Slowakei. Wo er herkommt, nahe der ungarischen Grenze, dort wo viele ungarischsprachige Familien leben, ist fast jeder dritte arbeitslos. Das durchschnittliche Nettoeinkommen eines Haushaltes liegt bei rund 600 Euro im Monat.
Geld hatten auch Jozephs Großeltern nicht, bei denen er aufwuchs. “Ich bin sicher nicht mit Sahne im Mund auf die Welt gekommen”, zitiert Jozeph ein ungarisches Sprichwort. Es gab kein Geld, ihn auf die Schauspielschule zu schicken. Dabei wollte er schon in jungen Jahren Schauspieler werden. So besuchte er schließlich eine Musikschule und lernte die Geige zu spielen.

Statt eines Bogens schwingt Jozeph an diesem Nachmittag seinen Hut, wirbelt den Spazierstock. Schweißtropfen verrinnen in der weißen Schminke. Das Smartphone oder den Burger im Blick, interessiert sich kaum jemand für den Pantomimen im Frack. Und doch: immer wieder gelingt es Jozeph Passanten zum Lachen zu bringen. “Das Leben hat mich gezwungen, diese Rolle zu spielen. Aber ich weiß: als Schauspieler, als Charlie, kann ich den Leuten Freude machen”, sagt Jozeph und Stolz schwingt dabei in seiner Stimme. “Irgendwie habe ich doch noch einen Weg gefunden, Schauspieler zu werden. Es ist ein sehr schönes Gefühl, ans Ziel gekommen zu sein – auch ohne Schauspielschule.”

Jede Münze zählt

Jozephs Arbeitstag beginnt meist gegen Mittag. Davor isst er eine warme Mahlzeit in einem Caritas-Tageszentrum für obdachlose Menschen im 18. Wiener Gemeindebezirk. 50 Cent bezahlt er für das Mittagessen. Danach fährt er zum Auftrittsort, schlüpft auf einer Toilette ins Arbeitsgewand. Mit kurzen Pausen spielt Jozeph dann bis zum Abend, bis die letzten Zuschauer in die Straßenbahn verschwunden sind. In den kalten Monaten, wenn es empfindlich kalt wird unter dem Frack, geht er nach der Arbeit ins Notquartier. Gleich nach einer heißen Dusche telefoniert er dann mit seiner Frau. Bisher, erzählt Jozeph, hätte er auch im Winter bei frostiger Kälte draußen geschlafen. Erst heuer sei er erstmals in ein Notquartier in Meidling gegangen. Im Frühling und Sommer, sagt er, schläft er immer noch draußen. So bleiben ganz einfach mehr Münzen, mehr Geld, für die Familie daheim.

Es fällt kein Vorhang, es gibt keinen Abtrittsapplaus. Jozeph packt seinen grünen Rucksack und verlässt die Gehsteigbühne. Für heute ist die Vorstellung zu Ende. Morgen wird Jozeph wieder in den Frack schlüpfen und den Oberlippenbart aufmalen. Wie lange er noch als Charlie sein Geld verdienen will, weiß er nicht. “Aber sicher nur solange, bis die Kinder aus dem Haus sind und meine Unterstützung nicht mehr brauchen. Dann gehe ich in Pension”, sagt Jozeph und lacht. Vielleicht will er vor dem Ruhestand nochmals in die Schweiz. Dort seien die Leute noch spendabler als in Wien. Und in Genf, da gäbe es schließlich sogar eine Statue von Charlie Chaplin. Gerade so, als wäre sie dort aufgestellt worden, um auf die nächste Spielzeit hinzuweisen. Zu sehen: Charlie Chaplin. In der Solorolle, direkt von den Wiener Bühnen: Jozeph P.

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